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Erstes Buch. Thea Drittes Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

56 — 
Es war ein denkwürdiger Augenblick für René, 
als er diesem Würdenträger seinen ersten Konzert⸗ 
bericht überbrachte. Der Blaustift fuhr wie toll ge⸗ 
worden auf dem Papier herum, und als es der 
arme Verfasser zurückerhielt, war von dem ursprüng— 
lich Geschriebenen nur ein verschwindender Teil übrig 
geblieben. Darauf folgte eine lange Belehrung. Rens 
schreibe zu ‚buchdeutsch.. Das Publikum langweile 
sich bei solchen theoretischen Auseinandersetzungen. 
Und er wurde in den Zeitungsstil eingeweiht, daß 
sein an den Klassikern geschultes Gefühl sich vor 
Entsetzen kaum zu fassen wußte. Ein paar in den 
Text eingestreute bequeme Witze sollten, wie der Re— 
dakteur meinte, die ganze Sache schmackhafter machen. 
Freilich konnte René, an dem heißen Ernst seines 
über alles verehrten Goethe groß geworden, kaum 
begreifen, was die langen Locken des Pianisten 
mit seinem künstlerischen Können zu tun haben 
sollten. 
Trotzdem flossen seine Kollegen fortwährend vom 
Lobe ihres Standes über und priesen in überschweng⸗ 
lichen Ausdrücken den festen Charakter eines richtigen 
Journalisten. Vielleicht waren das nur Phrasen, mit 
denen sie sich über das Gefühl der eigenen Minder— 
wertigkeit hinwegtäuschen wollten. 
Faßt man nun die Eindrücke, welche die papierne 
Welt auf den Novizen machte, zusammen, so wird 
man begreifen, daß ihn die Frage seines Chefredak— 
teurs ein wenig in Verlegenheit setzen mußte. Was 
sollte er eigentlich antworten?
	        
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