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Erstes Buch. Thea Zweites Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

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Zeugung raunt durch die Bäume des Gartens. Der 
Gott setzt sich träumend auf einen schroffen Felsen 
und senkt die Angelrute ins Meer. Eine Sekunde 
der Ewigkeit verrinnt. Noch eine. Dann fühlt er die 
Angel zucken, als ob ein ungewöhnlich großes Wasser⸗ 
tier angebissen hätte. Gewaltsam reißt er sich zu— 
rück, daß der Felsen im Grunde erbebt. Blühende 
Gärten tauchen empor, unter deren Bäume lust—⸗ 
wandelnde Löwen sich ergehen, auf deren Kronen 
buntfarbige Paradiesvögel sich schaukeln, und in deren 
Schatten sich endlich die sogenannte Krone der Schöp⸗ 
fung, der Mensch lagert. Seit ich diese Legende ge— 
lesen habe, erscheint mir meine Sehnsucht nach dem 
Wosser begreiflich.“ 
„Und wenn dem so wäre?“ fragte René nach— 
denklich, „wenn unsre Vorliebe für das Meer nichts 
wäre als eine atavistische Rückerinnerung an unsere 
Urzeit, als ein Gruß längst untergegangener Ge— 
schlechter an ihre Nachkommen?“ 
Fritz Michels sah den Sprecher einige Augen⸗ 
blicke verblüfft an. Dann lachte er laut und höh— 
nisch auf. 
„Da haben wir den jüdischen Phantasten, der 
die frische, gesunde Luft des Wassers nicht erträglich 
findet ohne irgend eine träumerische Zutat! Glauben 
Sie mir, lieber Herr Richter, das geht rein physisch 
vor sich. Unsere abstrapazierten und überreizten Ner⸗ 
ven fühlen sich angenehm erquickt. Wir selbst aber 
sind keineswegs die Herren, denen sich hinabgegangene 
Geschlechter Grüße zu schicken bemüßigt fühlten. Wir
	        
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