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Drittes Buch. Renaissance Viertes Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

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um so weniger, als er selbst so durchaus auf ihrer 
Seite stand. Sie wiesen alle ökonomischen Be— 
trachtungen mit Verachtung von sich. „Wir sind 
keine Sozialisten,“ war ihre ständige Antwort. 
Und endlich kam dann der große Tag. Nach 
Erledigung aller Kleinigkeiten, wurde der englische 
Vorschlag behandelt. Doktor Herzl bestieg die Redner—⸗ 
tribüne. Er sprach sehr klug, sehr diplomatisch und 
war sich wohl bewußt, daß er seiner führenden Stel—⸗ 
lung nichts vergeben dürfe. Er setzte in klarer und 
übersichtlicher Weise die Vorteile des englischen Vor—⸗ 
schlags auseinander. Seine Meinung war, den eng⸗ 
lischen Vorschlag anzunehmen, ohne deswegen Pa— 
lästina aufzugeben. Man müsse Uganda als eine 
Etappe betrachten, als einen Fortschritt auf dem 
Wege, der zur Errichtung eines jüdischen Reiches 
in Palästina führen soll. Plötzlich ließe sich nichts 
erreichen, alles Große reife langsam. Und man müsse 
eben alles ergreifen, was einem vorwärts helfe. In 
Herzls Sinne sprachen noch viele. Es war klar, daß 
sich die Majorität schon vor dem Kongresse geeinigt 
hatte, Uganda anzunehmen und die Minorität zu 
überstimmen. Die merkte das auch und saß ziem⸗ 
lich kleinlaut da. Es war beschlossen. Was sollten 
Erwiderungen nutzen. 
In Rens aber regte sich Entrüstung über die 
Kurzsichtigkeit, von der diese ganze Debatte überhaupt 
zeugte. Plötzlich entdeckte er den Redner in sich. 
Er wußte selbst nicht, wie es kam, daß er auf ein— 
mal oben stand und mit erregter, heiserer Stimme
	        
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