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Erstes Buch. Thea Zweites Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

25 — 
Zweites Kapitel. 
Als René am anderen Tage zu Hause erwachte, 
schien die Sonne hell ins Zimmer, und seine Uhr 
wies auf dreivierteleins. Zuerst versuchte er sich ver⸗ 
gebens die einzelnen Umstände der vergangenen Nacht 
ins Gedächtnis zurückzurufen. Dann dämmerte es 
langsam in ihm. Sein Leib schien ihm stückweise 
gebrochen, jede Bewegung schmerzte ihn. Er fürchtete 
sich, in den Spiegel zu blicken, aus Angst, daß ihm 
ein entstelltes Antlitz entgegensehen könnte. Seine 
Schamhaftigkeit, jenes Gefühl, das grade bei der 
jüdischen Rasse so stark ausgebildet ist, war aufs 
tiefste verwundet. Er glaubte sich geschändet, ent— 
würdigt, hielt seinen Leib, den er rein in eine spätere 
Ehe hatte bringen wollen, für nicht besser als den 
eines Knechtes. Kurz, er machte unter heftigen see— 
lischen Schmerzen der Reihe nach alle die Gefühle 
durch, die wir als einen schlimmen, moralischen Kater 
zu bezeichnen pflegen. Und noch etwas anderes, über 
das er sich nicht völlig seelisch klar war, beengte seine 
Brust. Die Heiligkeit seines Leibes hatte ihm früher 
einen rückgratstärkenden Stolz verliehen, der ihn über 
die Niedrigkeit seiner dienenden Stellung hinweg— 
täuschte. Solange noch kein Weib seinen Körper 
besessen hatte, war ein übermütiges Herrengefühl 
in ihm vorherrschend, das dem inneren Leben zu 
einem Traumdasein verhalf, von dem das äußere nichts 
wußte. Das war nun vorbei, Rensé, der einer Thea 
gegenüber standhaft geblieben war, hatte jetzt praktisch
	        
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