Path:
Drittes Buch. Renaissance Erstes Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

292 
Da kann man es auch den Frauen nicht verdenken, 
wenn sie nicht mehr mit derselben Inbrunst beten 
wie ihre Ahnen. Die jüdische Religion ist ein wunder⸗ 
sames Kunstwerk, aber wer von uns Heutigen ver— 
mag ihr noch — ehrlich gesprochen — unbedingt 
anzuhängen? Die Menschheit und wir sind ihr ent⸗ 
reift.“ 
René hörte den Worten Doktor Mertens mit 
wachsender Verwunderung zu. Dann sagte er lang⸗ 
sam: 
„Sie können gar nicht ahnen, wie ich erstaunt 
bin, solche Worte aus Ihrem Munde zu vernehmen, 
Herr Doktor. Man hat mir gesagt, und in den 
Zeitungen stand viel darüber, daß Sie zu den Führern 
jener von Wien ausgehenden neujüdischen Bewegung 
gehörten, die eine Reorganisation des Judentums ins 
Werk setzen will. Wie können Sie aber etwas reor⸗ 
ganisieren wollen, das Sie selbst, wenn ich Ihre 
Worte eben richtig verstanden habe, nicht mehr für 
zeitgemäß halten? Das wäre ein Widerspruch, den 
ich Ihrem ruhigen und klaren Wesen durchaus nicht 
zutrauen kann.“ 
Doktor Merten schlug lebhaft die Hände zusammen 
und funkelte Rensé mit seinen großen Augen heiter an: 
„Also auch Sie sind in demselben Irrtum be— 
fangen, dem ich zu meinem grenzenlosen Erstaunen 
bei meinen Bestrebungen im Judentum bis heute 
schon so oft begegnet bin! Aber, verehrter Herr Richter, 
nicht um eine Reorganisation einer Religion handelt 
es sich ja hier, sondern um die Reorganisation einer
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.