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Zweites Buch. Ruth Fünftes Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

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deine Fesseln zu zerbrechen und das Glück da draußen 
irgendwo zu suchen?“ 
Frau Richter strich ihrem Sohne zärtlich das 
volle Haar aus der erhitzten Stirne. 
„Warum sollte ich das Glück denn suchen? Du 
sprichst mit deinen sechsundzwanzig Jahren wie ein 
Kind. Hatte ich denn nicht Glück genug? Ein be— 
hagliches Heim, einen braven Mann und zwei viel⸗ 
versprechende Kinder, wäre es nicht unverschämt ge⸗ 
wesen, noch mehr zu verlangen? Wie viele können 
sich denn überhaupt eines gleichen Glückes rühmen? 
Ich hatte alle Ursache, zufrieden zu sein. Ach, und 
dann wuchsest du heran, Rens! Verstehst du denn, 
was eine Mutter ist? Da ging ich ganz in dir auf, 
dachte überhaupt nicht mehr an mich. All die Träume, 
die ich vergeblich geträumt, dir sollten sie Wirklich— 
keit werden, all das Schöne, was ich ersehnt hatte, 
dir sollte es zu eigen sein, alle Freude und jedes 
Glück, die mir das Leben versagt hatte, sie wünschte 
ich jetzt für dich. Deine Zukunft, René, das war 
jetzt das Ideal, das für mich an Stelle aller frü— 
heren Ideale getreten ist. Deine und Naemis Zu—⸗ 
kunft. Das Ideal einer Frau, zuerst unbewußt, 
später bewußt, sind immer ihre Kinder. Und wenn 
meine Träume für euch in Erfüllung gehen — könnte 
ich mir je ein größeres Glück wünschen?“ 
So lehrte die kranke Frau Richter ihrem Sohne, 
ohne es zu wissen, das, was er jetzt am nötigsten 
brauchte, das Evangelium der Häuslichkeit. Sie 
lehrte ihm, daß der Mensch nur lebt, damit seine 
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