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Zweites Buch. Ruth Viertes Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

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häßlichen Menge in Einsamkeit thronen, voll Ver—⸗ 
achtung und Mitleid, aber die Berührung scheuend, 
und untereinander in der Sprache des Genies ver—⸗ 
kehrend, von der der Plebs nur abgebrochene Laute 
aufzufangen weiß. 
„Ja, die Liebe ist nichts, was den nach oben 
strebenden Menschen wieder auf sein Niveau herunter⸗ 
drückt,“ sprach Rens vor sich, „sie ist kein Band des 
einzelnen zur Masse. Sie ist eine Erholung im 
Kampfe, sie ist ein liebliches Eiland, an dem wir 
von Zeit zu Zeit landen, um unsere Seele zu rei⸗ 
nigen und zu erfrischen. Und das wird mir Ruth 
sein. Ihre Seele ist rein wie ein wolkenloser Himmel. 
Meine Wonne! Mein Feierabend! Daß du mir den 
Panzer von den müden Gliedern löst, und mich 
durch deine Küsse vergessen machst, daß wir da draußen 
einer gegen alle sind! Mensch sein! Nur wer liebt, 
hat das Recht dazu! Nur wer etwas hat, wofür er 
Wunden schlägt oder empfängt, darf auch ruhen und 
sich erquicken. Du bist meines Lebensinhalts Inhalt, 
Ruth, meine Begeisterung im Kampfe, meine Freude 
am Schönen. Und all mein Glück, wenn die Hörner 
verstummen, und der Abend über uns aufdämmert, 
den wir nicht verstehen.“ 
So in Gedanken an sein Glück versunken, ging 
René am Tiergarten entlang dem Potsdamer Platz 
zu. Er hatte das Häßliche, was ihn eben begegnet 
war, schnell wieder vergessen. All sein Denken und 
Fühlen war: Ruth. Von dem Grübeln über die 
Welt da draußen, kehrte er wieder zu sich selbst zu⸗
	        
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