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Zweites Buch. Ruth Viertes Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

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hatte! Und da hatte ich nur noch die Aufgabe, dir, 
blind wie du gleich allen Männern nun einmal bist, 
gehörig die Augen zu öffnen. Waos hiermit feierlichst 
geschehen ist. Und jetzt lasse mich, bitte, los, es könnte 
doch vielleicht der Kellner hereinkommen.“ 
„Ruth, jetzt beginne ich erst zu ahnen, was du 
mir noch alles werden kannst. Wie hast du aus 
meinem ungeschickten Tun alle meine Gefühle zu er— 
kennen und zu deuten vermocht! Wie plump war 
ich! Du hast mir mit wenigen Worten mehr Klar—⸗ 
heit über mich selbst gegeben, als ich mit allem Grü— 
heln zu erreichen vermochte.“ 
„Man ist sich doch nie über sich selbst klar, René! 
Du wirst mich nur ein ganzes Leben zu deuten 
haben.“ 
„Denke, wenn wir uns nicht gefunden hätten, 
Ruth! Wir wären unser ganzes Leben lang einsam 
geblieben.“ 
Ruth schüttelte energisch verneinend das Haupt. 
„Ganze Menschen finden sich immer, René, das 
ist meine heilige Überzeugung. Die Natur ordnet 
das so an. War es etwa ein Zufall, daß du auf 
die Dreizehnjährige ein Gedicht machtest, von dem 
—— 
daß ich in fast kindischer Weise neun Jahre auf dich 
wartete? Nun müssen wir aber gehen, sonst ist 
Mutter böse. Sie hat in den letzten Wochen schon 
oft genug zu schelten gehabt.“ 
René zahlte dem freundlich lächelnden Kellner, 
und sie verließen die Konditorei. Als sie die Straße
	        
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