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Zweites Buch. Ruth Viertes Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

228 — 
Ruth, zum glatten, behaglichen Philister, der sich 
am liebsten hinterm Ofen wärmt.“ 
„Sie lieben mich eben nicht!“ sagte Ruth kalt. 
Aber sie empfand mit freudigem Schreck, daß es 
grade seine Liebe war, die aus ihm so sprach, seine 
Liebe, die erst ihrer sicher sein mußte, um seinem Leben 
erneuten Aufschwung geben zu können. 
„Ob ich Sie liebe, Fräulein Ruth? Aber ist 
denn das keine Liebe, wenn Sie so ganz mein Leben 
ausfüllen, daß ich nichts mehr außer Ihnen habe, 
nicht Beruf noch Familie noch Freundschaft, daß Sie 
überhaupt die ganze Welt für mich sind? Liegt nicht 
grade darin die Gefahr? Ich habe mir in meiner 
Sehnsucht die Liebe vorgestellt wie eine göttlich schöne 
Frau, wie Sie, Ruth — die uns beseligend auf die 
Stirne küßt und Mut in unsere Seele flößt, daß wir 
erst verstehen, wozu wir auf der Welt sind, daß wir 
mit gefestigtem Bewußtsein zu neuen Taten vorwärts 
stürmen. So dachte ich mir die Liebe. Und jetzt 
kommt sie wie eine Fessel, die an Taten hindert, die 
uns von allem Streben zurückhält und nur eine faule 
Behaglichkeit will, ein müßiges und trügerisches Sich— 
selbstgenügen. Dazu aber bin ich noch zu jung, 
Fräulein Ruth! Ich muß noch etwas leisten! Ich 
bin noch dazu verpflichtet. Woher hätte ich schon 
das Anrecht auf Ruhe?“ 
Ruth hätte jauchzen mögen. So hatte sie ihn 
sehen wollen, seit sie ihn kannte! Nicht weichherzig 
der Liebe hingegeben wie ein Mädchen, wie sie selbst, 
sondern sich dagegen empörend als gegen eine fremde
	        
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