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Zweites Buch. Ruth Drittes Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

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Seele etwas entstehen, über das er sich keine Rechen⸗ 
schaft ablegen konnte. 
„Aber damals im Tiergarten, Fräulein Hirsch⸗ 
felder, da hat mich die Dreizehnjährige ausgelacht!“ 
Ruth zerknitterte die Serviette in ihren Händen, 
und ihr Lachen klang ein wenig nervös. 
„Nun, so ein dreizehnjähriges Mädel hat eben 
eine besondere Art, ihre Ergriffenheit zu zeigen! Sie 
haben mich damals bloß nicht verstanden! Dafür 
habe ich nachher geflennt, als Sie sich plötzlich von 
uns zurückzogen.“ 
Rensé saß in tiefen Gedanken da. Er war be⸗ 
unruhigt und wußte nicht warum. Ruth aber plau⸗ 
derte weiter: 
„Oh, ich habe Sie nicht vergessen! Allmählich 
bin ich sogar stolz geworden auf zmeinen Dichter. 
Besonders in den letzten Jahren, wo Sie so bekannt 
geworden sind. Ihr Buch habe ich auch gelesen. Es 
ist einfach wunderschön. Ja, staunen Sie nur, ich 
kenne überhaupt alles, was Sie geschrieben haben! 
Ich habe noch extra bei Nicolai im großen Lese— 
zirkel abonniert, damit mir auch nichts entgehen 
kann. Na, hören Sie mal zu!“ 
Und sie zitierte mit einem staunenswerten Ge⸗ 
dächtnis tatsächlich alles, was Rens bisher geschrieben 
hatte. Auch nicht der kleinste Artikel war ihr ent— 
gangen. Es konnte nicht bei dem einmaligen Lesen 
geblieben sein. Wichtigere Stellen konnte sie beinahe 
wörtlich auswendig, und auch den Sinn des übrigen 
wußte sie genau und getreu wiederzugeben. Sie 
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