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Zweites Buch. Ruth Erstes Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

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lich nur ästhetische Schwärmerei und Freundschaft 
war. Aber sie hat mich geliebt. Mir ist das erst 
später so recht klar geworden, als sie wieder weg 
war und ich mir unsere Gespräche überlegte. Da 
fand ich denn, daß die Liebe etwas Heiliges ist, denn 
sie hatte sicher Thea über sich selbst hinaus gesteigert. 
Und nun suchte ich die Liebe. Was ich bis heute 
gefunden habe, war aber immer nur Erotik. Ich 
habe nie mehr nach der Seele verlangt, sondern 
immer bloß nach dem Körper. Und vielleicht liegt 
es wirklich an mir, daß ich nie ein Weib als Ganzes 
betrachten kann, sondern nur eine Seite seines Wesens 
verlange, während mir die andere tot bleibt. Es soll 
ja Menschen geben, die nicht lieben können. Schlimm 
ist es aber, wenn sich solche Menschen nach der Liebe 
sehnen. Sie leiden heftiger als alle anderen.“ 
Es klopfte an die Türe, und Herr Konsul Lorek 
trat ins Zimmer. Der Konsul war ein Mann von 
untersetzter Gestalt mit einem gemütlichen Bäuchlein, 
das aber wieder von den kalten und energisch ge— 
schnittenen Zügen seines Gesichts Lügen gestraft 
wurde. Er trug einen Backenbart nach Art Kaiser 
Wilhelm J. und seine Augen funkelten durchdringend 
hinter den Gläsern eines goldeingefaßten Pincenez. 
Obwohl sein Gesicht eine starke Intelligenz verriet 
und ständig eine Maske lächelnder Freundlichkeit und 
Harmlosigkeit trug, gelang es ihm doch nicht, den 
plebejischen Schnitt seiner Züge und das Empor—⸗ 
kömmlingshafte seines Wesens genügend zu unter— 
drücken. Dabei zehrte an dem Mann ein tiefes Be— 
10*
	        
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