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Drittes Buch. Renaissance Erstes Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

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grade jetzt latenten sinnlichen Regungen folgend, um— 
armte er sie viel zärtlicher, als er wohl sonst zu tun 
pflegte und küßte sie mit einer ihm sonst unbekannten 
Glut. Thea sah ihn ganz verdutzt an. 
„Ach, wie schön du küssen kannst! Wie ein 
Kind und ein Mann zugleich! Wie schade, daß ich 
jetzt Berlin verlasse. Nun ich dich so kenne, hätte 
ich dich in einem Monate so weit erzogen, daß du 
weniger mit mir sprechen und mich ganz von selber 
ohne jede Aufforderung häufiger küssen würdest. 
Schließlich sind wir Frauen doch die dümmeren. 
Da wir alle wie eine sind, setzen wir das auch an 
den Männern voraus und müssen dann lange her—⸗ 
umstudieren, bis wir jemanden richtig zu fassen wissen. 
Bei dir kenne ich mich jetzt aus, mein Freund!“ 
René mußte über die Ernsthaftigkeit lachen, mit 
der sie das, den hübschen Kopf hin und her wiegend, 
sagte. 
„Meinst du? Wie aber, wenn dieser mein Kuß 
auch nur etwas Seelisches wäre? Wenn alles auf 
die Seele hinausginge, und wir Menschen nur den 
Spieß umdrehen, weil es so viel bequemer ist? Daß 
wir über diese Dinge überhaupt nachdenken, ist das 
nicht schon ein Zeichen der Superiorität des inneren 
Menschen über den äußeren? Der Kuß ist ein 
Gruß zweier Seelen zueinander. Dabei bleibe ich, 
Thea!“ 
„Ach, du kleiner Trotzkopf! Du Philosoph mit 
deiner dummen Seele! Der Worte sind genug ge— 
wechselt, laßt uns nun endlich Taten sehn!“
	        
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