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Erstes Buch. Thea Fünftes Kapitel

Full text: René Richter / Brieger, Lothar (Public Domain)

105 — 
töten, wenn ich dir das Milieu schildern wollte, aus 
dem ich herstamme. Aber siehst du, meine Eltern 
hatten einen Grünkramkeller in Paris. Verstehst du, 
was das heißt? Mit acht Jahren wußte ich so 
genau mit allem Bescheid, was euren gutbürgerlichen 
Bräuten die Mütter am Hochzeitstage in die Ohren 
raunen! Und dreizehn Jahre werde ich gewesen 
sein, als mich irgend so ein schmutziger Straßenbengel 
in einem Hausflur gewaltsam nahm. Dann ging's 
schnell aufwärts. Denn ich war ein hübsches Mädel. 
Aber glaubst du, daß sich so was je vergessen läßt? 
Sehe ich da so ein Pärchen, so fühl ich mich dem 
immer verwandt, viel verwandter als all den vor⸗ 
nehmen Herren, mit denen ich seither umgegangen 
bin. Man wird seine Vergangenheit nicht los.“ 
Sie hatte erregt gesprochen, und an ihren matt⸗ 
weißen Schläfen zuckten die Adern beängstigend. 
René fühlte sich durch ihre Wildheit unangenehm 
berührt, aber er sagte sich, daß er selber dazu Ver⸗ 
anlassung geboten hätte und die Geliebte schonen 
müßte. So schob er denn sanft seinen Arm in den 
ihren und bat: 
„Verscheuche doch solche häßlichen Gedanken, 
Thea! Müssen wir nicht alle über unsere Vergangen⸗ 
heit hinweggehen? Verzeihe, aber ich wollte dich nicht 
beleidigen! Über der Märchenprinzessin, in die ich 
dich umdichtete, habe ich einen Augenblick vergessen, 
daß wir überhaupt noch mit den anderen Menschen 
im Zusammenhange stehen. Was geht mich denn 
an, was du warst! Als das, was du bist, übst du
	        
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