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Verlobung und Brautzeit der ... Luise

Full text: Königin Luise / Rogge, Bernhard (Public Domain)

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doch sonst in Briefen, die eine Braut an ihren Bräutigam schreibt, 
eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen pflegt, ist in denen Luisens 
kaum mit einem Worte die Rede. Auch die Briefe Friedrich 
Wilhelms sind frei von Schwärmerei, Gefühlsseligkeit, Überschweng— 
lichkeit; aber sie legen doch durchweg davon Zeugnis ab, daß seine 
junge Liebe im Mittelpunkt aller seiner Gedanken steht. Selbst 
den Verlauf des Krieges sieht er meist nur unter dem Gesichts— 
punkt an, ob die Erfüllung seines heißesten Wunsches, die Ver— 
einigung mit der Geliebten, verzögert oder beschleunigt wird. 
Wenn aber auch in den Briefen Luisens an ihren Bräutigam 
noch eine gewisse Zurückhaltung zum Ausdruck kommt, so wurde 
doch von ihr jeder Besuch, den er vom Feldlager von Mainz aus 
in Darmstadt machte, mit Sehnsucht erwartet und mit hellem Jubel 
begrüßt. Jeder neue Besuch brachte die Herzen einander näher. 
Zur ganz besonderen Freude aber gereichte es der Braut, daß sie 
auf Einladung des Königs mit ihrer Schwester Friederike dem 
Bräutigam auch ihrerseits einen Besuch im Feldlager abstatten 
konnte. Es ist erklürlich, daß das Erscheinen der beiden anmutigen 
Prinzessinnen im Feldlager ein großes Ereignis war, und daß sie 
selbst der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit waren. An 
der Tafel des Königs vermochten sie einer gewissen Befangenheit 
nicht Herr zu werden. „Wir waren“, schreibt Luisens Schwester, 
„an der Tafel, wie auf dem Armesünderschemel, denn aller Augen 
warteten auf uns.“ Goethe, der sich im Geleit des Herzogs Karl 
August von Weimar im Heerlager befand, und der aus Anlaß 
eines Besuches, den die Prinzessinnen auch diesem Fürsten in 
seinem Zelte machten, sie zu sehen Gelegenheit fand, berichtet dar⸗ 
über: „Es wurde uns, mir aber besonders, ein liebenswürdiges 
Schauspiel bereitet. Die Prinzessinnen hatten im Hauptquartier 
bei seiner Majestät dem Könige gespeist und besuchten nach der Tafel 
das Lager. Von meinem Zelt aus durfte ich die Hohen Herrschaften, 
welche unmittelbar davor ganz vertraulich auf- und abgingen, 
auf das genaueste beobachten. Und wirklich konnte man die beiden 
jungen Damen für himmlische Erscheinungen halten, deren Eindruck 
auch mir niemals erlöschen wird.“ Bei diesem Besuche, der in 
Bodenheim stattfand, wurden auch über den Hofstaat des kron— 
prinzlichen Paares Verabredungen getroffen, nachdem schon vorher 
die Verlobung des Kronprinzen mit Luise, des Prinzen Ludwig 
mit Friederike in Darmstadt in Anwesenheit von zahlreichen fürstlichen
	        
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