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Zehntes Kapitel. An der Wende des Jahrhunderts

Full text: Berlin in Geschichte und Gegenwart / Goldschmidt, Paul (Public Domain)

Fürstenbesuche, Bismarck, Zentennarfeier. 
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ist uns diese Stadt Berlin, die ein bewegteres politisches Leben führt als 
jede andere im Lande, stets mit dem höchsten Beispiele vorangegangen.“ 
Seit seinem Rücktritt hatte er den Boden Berlins nicht wieder betreten. 
Wenn er von Varzin nach Friedrichsruh übersiedelte oder auf einer anderen 
Reise Berlin berühren mußte, blieb er in seinem Salonwagen — dem Ehren— 
geschenk der deutschen Eisenbahnverwaltungen —, ließ ihn auf die Geleise 
der Ringbahn schieben und in weitem Bogen um die Stadt herum fahren. 
Jetzt kam er als Gast des Kaisers. Dessen Bruder Prinz Heinrich empfing 
ihn am Lehrter Bahnhofe und führte ihn wie im Triumphzuge durch die 
überfüllten Straßen zum Schlosse. Am Abend geleitete ihn der Kaiser 
selbst zum Bahnhofe. Vielen war zu Mute, als sei ihnen eine Last vom 
Herzen genommen, als könnten sie wieder freier atmen. 
Um für das große Kaiser Wilhelm-Denkmal einen würdigen Platz 
zu schaffen und zugleich einem alten, oft ausgesprochenen Wunsch vieler 
für die Schönheit ihrer Stadt begeisterten Berliner zu entsprechen, wurde 
mit einem zu diesem Zwecke durch eine Lotterie aufgebrachten großen Kapital 
die ganze Häuserreihe der Schloßfreiheit angekauft und niedergelegt. So 
war ein weiter Raum zu beiden Seiten des Spreearmes gewonnen, die 
mächtige Westseite des Schlosses mit dem Eosanderschen Portal und der 
Schloßkuppel bot sich frei dem Anblick dar. An der Enthüllungsfeier nahm 
neben den Truppen die ganze Jugend Berlins teil, nach ihren Schulen ge— 
ordnet, für die Veteranen der Kriege des Kaisers fand außerdem vorher 
ein Festgottesdienst in der seinem Gedächtnis gewidmeten Kirche statt. Bei 
der abendlichen Illumination machte das sonst nur selten erleuchtete Schloß 
den meisten Eindruck. Tausende von elektrischen Flammen schmiegten sich 
den Formen der Architektur an und ließen sie hervortreten, besonders 
prächtig erstrahlte die große Kuppel. Am folgenden Tage fand ein großer 
Festzug der Krieger-, Bürger-⸗, Turner-, Ruder-, Radfahrer-, Schützen— 
vereine, der studentischen Korporationen, der Innungen und der Feuerwehr 
statt, die ihre Kränze rings um das Denkmal niederlegten. 
An den Familienfesten des Kaiserhauses nahm die Berliner Bevölkerung 
in gewohnter Weise lebhaften Anteil. Zur Hochzeit des Kronprinzen am 
6. Juni 1905 stiftete Berlin zusammen mit den anderen preußischen Städten 
ein großes Tafelservice. Der am preußischen Hofe seit alter Zeit zu solcher 
Feier gehörende Fackeltanz hatte jetzt eine etwas andere Form erhalten. 
Die Wachsfackeln werden nicht mehr von den Mitgliedern des Staats— 
ministeriums getragen, sondern von zwölf, mit Rücksicht auf stattliche, hübsche 
Erscheinung gewählten jungen Edelleuten aus dem Kadettenkorps. In ihrer 
kleidsamen, scharlachroten Pagentracht schreiten sie dem jungen Paare bei 
seinem Umgange voran, ebenso nachher dem feierlichen Zuge, der dasselbe 
bis an die Schwelle des Brautgemachs geleitet. 
Boldschmidt, Berlin. 
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