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Neuntes Kapitel. Die Entwickelung zur Weltstadt Erster Abschnitt. Stadterweiterung, Bevölkerungszunahme, Bauten, Verkehr

Full text: Berlin in Geschichte und Gegenwart / Goldschmidt, Paul (Public Domain)

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Die Entwickelung zur Weltstadt. 
wenn sie spät nach Hause kamen, ihren Weg mit der Laterne in der Hand, 
um zu einem erschwinglichen Preise eine gesunde und geräumige Wohnung 
zu haben. 
Ebenso sahen sich viele große und kleine Fabriken durch die hohen 
Grundstückspreise genötigt, das Stadtgebiet zu verlassen und sich in der Um— 
gegend anzusiedeln. Namentlich ist in den siebziger Jahren beinahe die 
ganze Eisenindustrie ausgewandert, meist in der Weise, daß die Besitzer den 
hüttenmäßigen Teil ihres Betriebes in die Produktionsgebiete des Eisens 
verlegten, mit dem anderen Teil in der Nähe von Berlin blieben und ihn 
auf umfangreichen Geländen in neu erbauten Fabrikgebäuden besser und 
zweckmäßiger als vorher einrichteten. Die Mittel hierzu gewährte der hohe 
Gewinn beim Verkauf ihrer Grundstücke. Einige begnügten sich mit diesem 
Gewinn und stellten ihren Betrieb ein, so namentlich die königliche Eisen— 
gießerei in der Invalidenstraße und die früher Pflugsche Fabrik für Wagen— 
bau vor dem Oranienburger Tore. Durch die Auflösung und Verlegung 
so großer Fabriken wurden ihre ausgedehnten Grundstücke frei für die Be— 
bauung mit Wohngebäuden. Andererseits aber ging in den älteren Stadt— 
teilen ein sehr großer Raum, der früher dem Wohnbedürfnis diente, für 
dieses verloren durch die Verbreiterung der Straßen, wie sie der wachsende 
Verkehr erforderte, ebenso durch den Bau von sehr umfangreichen Gehäuden 
für die Zentralbehörden des Staates und des Reiches, ferner für mancherlei 
Arten von Geschäftshäusern, Kaufhäusern, Warenhäusern, die ganze Straßen— 
biertel ankauften und niederlegten, so daß dadurch ein immer wachsender 
Teil des Zuwachses der Bevölkerung nach außen gedrängt wurde. 
Von den neu begründeten Kolonien gehört Westend mit seinen ersten 
kleinen Anfängen schon der Zeit vor 1870 an, Friedenau ist 1873 entstanden, 
Halensee, Grunewald, Plötzensee, Schönholz und Neu-Weißensee haben sich 
erst später entwickelt. Die übrigen schon früher bestehenden jetzigen Vororte 
waren in den fünfziger Jahren und im Anfang der sechziger Jahre noch 
sehr unbedeutend, sie haben erst in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre an— 
gefangen, sich etwas zu erweitern. Ihrer 29, die sich bei der Volkszählung 
von 1905 mit der Stadt Berlin zu gleichmäßigem Vorgehen vereinigt haben 
und jetzt mehr als eine Million Einwohner zählen, hatten 1871, soweit sie 
damals bereits bestanden, zusammen 52 000 Einwohner (davon Charlotten— 
burg 19 000, Rixdorf 8000), 1885 aber 163 000 und 1905 952 000. Von 
1871 bis 1885 haben sie ihre Einwohnerzahl mehr als verdreifacht, in den 
nächsten zwanzig Jahren bis zur Volkszählung von 1905 beinahe versechs— 
facht. Im eigentlichen Berlin dagegen ist seit dem Anfang der achtziger 
Jahre das Wachstum der Stadt langsamer geworden, die Einwohnerzahl 
hat in den 25 Jahren von 1880 bis 1905 um 800 000, etwa 2/, Prozent 
jährlich zugenommen. Wenn man Berlin und die Vororte zusammenfaßt,
	        
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