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Achtes Kapitel. Die Zeit der Erfüllung. 1858-1888

Full text: Berlin in Geschichte und Gegenwart / Goldschmidt, Paul (Public Domain)

Achtes Kapitel. 
Die Zeit der Erfüllung. 1838 1888. 
Durch Hinckeldeys Tod und die sich anschließenden Enthüllungen hatte 
die Reaktion einen schweren Schlag erlitten, sie konnte nicht mehr mit der— 
selben Schärfe auftreten und erlahmte völlig, als im Herbst 1887 der Prinz 
von Preußen, zunächst allerdings mit sehr beschränkten Rechten, als Stell— 
vertreter des erkrankten Königs die Regierung übernahm. Er war früher 
in hohem Grade unpopulär gewesen, weil er für den schärfsten Gegner der 
liberalen Anschauungen gehalten wurde. Seitdem aber hatte man erfahren, 
daß er ein Freund der nationalen Bestrebungen war und das Aufgeben 
derselben energisch widerraten, auch während des Krimkrieges eine kräftigere 
Politik Preußens gefordert hatte. Man wußte ferner, daß er sehr entschieden 
die zur Schau getragene äußere Kirchlichkeit mißbilligte, welche damals in 
den dem Hofe und der Regierung nahestehenden Kreisen Berlins herrschte, 
daß er in gespanntem Verhältnis zu der reaktionären Umgebung des Königs 
stand, sich deshalb vom Hofe zurückgezogen und seinen Wohnsitz in Koblenz 
genommen hatte, daß er dort nahe Beziehungen zu einigen Führern des 
gemäßigten Liberalismus unterhielt. Auch sein freundschaftlicher Verkehr 
mit dem englischen Königshause wurde in diesem Sinne gedeutet und des— 
halb die Vermählung seines Sohnes und Erben mit einer englischen Prin— 
zessin freudig begrüßt. Ihr Einzug in Berlin am 8. Februar 1858 er— 
schien weiten Kreisen als ein bedeutungsvolles Vorzeichen einer neuen Zeit. 
Zur Erinnerung daran erhielt die Viktoriastraße ihren Namen, die selbst 
als das Vorzeichen einer neuen Entwickelung Berlins betrachtet werden kann. 
Die Abwanderung der wohlhabenden Bevölkerung nach dem Westen, 
zunächst nach der Potsdamerstraße, dem angrenzenden Teile des Kanal— 
ufers und dem Südrande des Tiergartens hatte begonnen, jetzt wurden 
diese Straßen durch eine neue, quer durch den Vergnügungsgarten Kemper— 
hof gelegte Straße verbunden und so zum erstenmale ein großes, zu— 
sammenhängendes Villenviertel geschaffen. Von den schönen alten Bäumen 
des Vergnügungsgartens mußte ein Teil fallen, so viele als möglich suchte
	        
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