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Siebentes Kapitel. Revolution und Reaktion. 1846-1858

Full text: Berlin in Geschichte und Gegenwart / Goldschmidt, Paul (Public Domain)

Bank und Seehandlung. 
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geschäfte des Staates im Auslande, und auch im Inlande, soweit hierzu eine 
kaufmännische Mitwirkung erforderlich ist“. Rother ist aber über diesen 
bon ihm selbst formulierten Zweck weit hinausgegangen. Um die Industrie 
zu fördern und dadurch die Landeswohlfahrt zu heben, hat er mit den 
Mitteln der Seehandlung eine große Zahl kaufmännischer und industrieller 
Unternehmungen unterstützt, andere selbst ins Leben gerufen. Für Berlin 
sind davon am wichtigsten die 1836 begründete Maschinenbau-Anstalt, die 
1850 von Borsig angekauft wurde, und die noch jetzt bestehenden, 1834 
eingerichteten drei königlichen Leihämter. Außerdem seien die mit über— 
seeischem Warenhandel verbundene Reederei, die Dampfschiffahrt auf Spree, 
Havel, Oder und Elbe, die Ohlauer, Bromberger, Potsdamer Mühlen, 
die Spinnereien in Erdmannsdorf und Landeshut, die chemische Fabrik 
in Oranienburg und das Zinnwalzwerk in Ohlau erwähnt. So war die 
Seehandlung während der vierziger Jahre in ein Netz von Unternehmungen 
derstrickt, teils von ihr selbst gegründeter, teils solcher, die sie hatte über— 
nehmen müssen, um das hineingesteckte Kapital zu retten. Durch die Not 
des Jahres 1847, durch die Stockung aller Geschäfte im Frühjahr 1848 
kam sie an den Rand des Bankerotts. Der damalige Ministerpräsident 
Camphausen und der Finanzminister Hansemann, beide aus dem Kauf— 
mannsstande hervorgegangen, hielten es für notwendig, einen erfahrenen 
Kaufmann an die Spitze der Seehandlung zu stellen, und ersahen dazu 
den früheren Hofagenten Bloch, obgleich derselbe seines Alters wegen be— 
reits sein Geschäft aufgegeben und sich zur Ruhe gesetzt hatte. Bloch 
unterrichtete sich zunächst über die Verhältnisse der Seehandlung und er— 
klärte dann, um als Staatsbankinstitut im In- und Auslande zu wirken, 
bedürfe sie stets bereiter Mittel und müsse sich deshalb in vorsichtiger Weise 
aus ihren industriellen Unternehmungen zurückziehen. Je flüssiger dadurch 
ihre Kapitalien würden, um so größeren Nutzen könne sie der Industrie 
bringen, doch dürfe dies in der Regel nur durch kurzfristige Darlehen 
geschehen. Dies Programm hat Bloch in sehr umsichtiger und geschickter 
Weise durchgeführt. Trotzdem wurde er nach dem Siege der Reaktion in 
maßloser Weise angegriffen und persönlich verdächtigt, am heftigsten von 
der Kreuzzeitung. Da die Regierung ihn nicht in Schutz nahm, wendete 
Bloch sich an das Gericht. Von diesem wurde der schuldige Chefredakteur 
wegen öffentlicher, verleumderischer Beleidigung zu zehnmonatlicher Ge⸗ 
fängnisstrafe verurteilt, die er freilich nicht zu verbüßen brauchte. Trotz 
solcher Schwierigkeiten führte Bloch die Reorganisation der Seehandlung 
weiter, wie er sie begonnen hatte, und setzte schließlich durch, daß ihm in 
dem jüngeren Camphausen, dem späteren Finanzminister, ein Nachfolger 
gegeben wurde, der von ihm selbst in die Geschäfte der Seehandlung ein— 
jeführt und gewillt war, sie in derselben Weise fortzuführen. Bei seinem
	        
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