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Fünftes Kapitel. Unglückszeit und Wedererhebung. 1806-1815

Full text: Berlin in Geschichte und Gegenwart / Goldschmidt, Paul (Public Domain)

Finquartierung, Kontribution. 
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Prozent Zinsen mußten selbst bei guter Sicherheit gegeben werden. Viele 
Arbeiter zogen fort, um anderswo ihr Brot zu suchen. Manche Hausbesitzer 
hoten ihre Häuser umsonst aus. Wenn sie keine Abnehmer fanden, gaben 
sie ihre Hausschlüssel auf dem Rathause ab und wanderten gleichfalls aus. 
Die Zivilbevölkerung ist von 155 000 im Jahre 1805 auf 145 000 im Jahre 
1808 gesunken, obgleich nicht wenige Einwohner der Nachbarorte, in denen 
die Franzosen und Rheinbündler viel schlimmer hausten als in der Haupt— 
stadt, nach dieser geflüchtet waren. 
Aber nicht alle waren in der Lage fortgehen zu können. Um das 
Elend zu mildern, traten die besser Gestellten zusammen und gründeten 
eine Suppenanstalt, aus der an neun verschiedenen Stellen täglich mehr 
als 6000 Personen gespeist wurden. Einen besonders traurigen Anblick 
boten im Winter 1806 auf 1807 die zahlreichen verlassenen Kinder. Wohl— 
tätige Männer versuchten sich ihrer anzunehmen. Aus diesen Bemühungen 
sind zwei Stiftungen entstanden, die noch jetzt bestehen und segensreich 
wirken: das Friedrichsstift für verwaiste Kinder von Soldaten und das 
duisenstift für arme und verlassene Knaben. 
Die der Stadt auferlegte Kontribution betrug 10 Millionen Franks 
oder 2700 000 Taler, die sonst der Stadt durch die französische Besetzung 
rwachsenen Kosten sind in den Rechnungen mit 31,, Million Taler nach— 
zewiesen, die außerdem von der Bürgerschaft getragenen Kosten werden auf 
mehr als 15 Millionen Taler berechnet, so daß die Gesamtkosten, soweit 
ie überhaupt in Geld berechnet werden können, sich auf mehr als 21 Millionen 
Taler oder 148 Taler auf den Kopf der Bevölkerung belaufen. Hier ist 
nur der Schaden berechnet, den die Stadt Berlin erlitten hat, nicht ein— 
Jerechnet ist, was an Staatseigentum und aus dem Besitz der königlichen 
Familie mitgenommen wurde. Die fortgeführten Kunstschätze mußten nach— 
her zurückgegeben werden. Die in der Garnisonkirche aufbewahrten, einst 
bei Hohenfriedberg erbeuteten Fahnen hatte der Küster versteckt, um sie 
den Augen der Feinde zu entziehen. Da er aber bald darauf starb, ohne 
emand sein Geheimnis mitgeteilt zu haben, ist es bisher trotz mehrfacher 
Nachforschungen nicht gelungen, sie wieder aufzufinden. 
Von zahlreichen glaubwürdigen Zeitgenossen sind Briefe und andere 
Aufzeichnungen bekannt geworden, zumeist von Männern, doch auch einige 
darunter von Frauen aus geistig und gesellschaftlich vornehmen Familien. 
Sie zeigen, wie sich in solchen von hoher Gesinnung erfüllten Kreisen 
das Familienleben während der traurigen' Zeit gestaltete. Von vielen Seiten 
—J wird wegen seiner patriotischen Gesinnung und Betätigung der 
8 junge Buchhändler Georg Reimer, ein ebenso rühriger und weit— 
g ender wie mutiger und charakterfester Mann, der einige Jahre vorher 
ie einst von Hecker begründete Realschulbuchhandlung übernommen und 
Goldschmidt, Berlin.
	        
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