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Full text: Berlin in Geschichte und Gegenwart / Goldschmidt, Paul (Public Domain)

Dritter Abschnitt. 
Unter dem großen Könige. 
Friedrich Wilhelm J. ist oft verkannt und falsch beurteilt worden, 
die große Bedeutung und tiefgreifende Wirkung seiner Reformen hat erst 
neuere Forschung klargestellt, während früher die Verdienste des Königs 
tur von wenigen Kennern des preußischen Staatswesens und namentlich 
von seinem großen Sohne verstanden und gewürdigt sind. In seiner „un— 
bändigen Jugend“, wie er selbst es nennt, hat Kronprinz Friedrich die 
harte Hand des Vaters besonders schwer zu fühlen bekommen. Später als 
seine Sturm- und Drangperiode hinter ihm lag, hat er ihn schätzen gelernt 
und seinem Andenken in der Geschichte des Hauses Brandenburg ein Denkmal 
errichtet. In seiner eigenen wirtschaftlichen Tätigkeit hat er die Grund— 
sätze des Vaters zur Richtschnur genommen und sich zunächst als den Fort— 
setzer und Nachahmer seines Vaters betrachtet. Als er 1747 schwer erkrankt 
war und sich dem Tode nahe glaubte, schrieb er seinem Bruder, er solle 
a nicht „von den Grundsätzen und dem System abgehen, die unser Vater 
eingeführt hat“. 
Vornehmlich in der Gewerbepolitik hat Friedrich das System des 
Vaters fortgeführt. Er hat Arbeitskräfte herangezogen, Auswanderer aus 
anderen Staaten angesiedelt, durch hohe Schutzzölle die Einfuhr fremder 
Fabrikwaren erschwert, dagegen die Ausfuhr von Rohstoffen verhindert, 
venn sie im Lande verarbeitet werden konnten. Andere Mittel waren: 
Privilegien, Monopole, Darlehen, in vielen Fällen bare Unterstützungen. 
Allein in den letzten zwanzig Jahren seiner Regierung hat Friedrich neun 
Millionen Taler ausgegeben für Fabrikgebäude, die er in Berlin und 
Potsdam durch sein Hofbauamt aufführen ließ, um sie an Fabrikanten 
zu schenken. Sein Bemühen ist vornehmlich dem Textilgewerbe zu gute 
gekommen, neben der Tuchweberei der Seidenfabrikation und der Baum— 
wollindustrie. 
Die ersten Seidenfabriken in Berlin, die noch unter dem Großen 
durfürsten und seinem Nachfolger von den Rfugiés eingerichtet wurden, 
sind bald wieder eingegangen. 1713 bestand von diesen älteren Fabriken 
tur noch eine, die immer mehr verkümmerte. Friedrich Wilhelm J. suchte 
diese Industrie wieder zu beleben. Er ließ Festungswälle und Kirchhöfe 
mit Maulbeerbäumen bepflanzen, 1732 wurde in Berlin eine neue Fabrik 
mit 32 Stühlen eröffnet, sie konnte 1740 nur noch 6 Stühle beschäftigen. 
Auch die Maulbeerplantagen wollten nicht gedeihen. Ein rechter Zug ist 
n diese Industrie erst unter König Friedrich gekommen. Er richtete ein 
Seidenmagazin ein, das für jeden Webstuhl Seide bis zum Wert von 
150 Taler auf Kredit gab, ferner eine Seidenhaspelei und Zwirnmühle. 
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