44
Sprechen Sie die Angeklagten frei, und geben Sie denen
endlich die Ruhe wieder, die seit sechs Jahren verleumdet
und verfolgt werden wie ein gehetztes Wild.
Verteidiger Rechtsanwalt Dr. v. Rychlowski (Posen):
Der Kampf um das Majorat reiche weit zurück, Schon von
vornherein hätten die Agnaten das Kind im Mutterleibe bekämpft,
weil man befürchten mußte, daß das Kind ein Knabe,
also ein unerwünschter Konkurrent in der Nachfolgeschaft,
sein könnte. Das Vorgehen der Agnaten mußte die Gräfin
erbittern, und daß der Trotz über die Klugheit siegte, hat
die arme Frau ja schwer genug büßen müssen. Graf Hektor
Kwilecki hat hier betont, daß er nicht um das Majorat, sondern
um die Ehre kämpfe. Das mag glauben, wer will, vielleicht
liegt hier auch eine Selbsttäuschung vor. Wie erklärt
man es sich denn dann, daß die Agnaten, wie auch dieser
Prozeß ausfallen möge, einen zweiten Zivilprozeß um das
Majorat führen wollen. Nun hat hier Graf Hektor erklärt,
daß er persönlich auf das Majorat verzichte. Diese nichtssagende,
unverbindliche und verspätete Erklärung hat mich an
die Fabel von dem Fuchs und den Trauben erinnert. Für die
Mitstreiter des Herrn Grafen Hektor handelte es sich jedenfalls
aber nicht um eine Ehrensache, sondern um eine Geschäftsfrage.
Das Laienauge und das Künstlerauge sind sich darin
einig, daß der schöne Knabe der Gräfin überaus ähnlich
sieht. Wenn alles schwinden sollte, so ist, meine Herren Geschworenen,
dies der feste Punkt: Sie werden nimmermehr
einer Mutter ihr Ebenbild vom Busen reißen und es einer
anderen Frau zusprechen. Der Staatsanwalt hat von „großer
Phantasie“ gesprochen, die größte Phantasie hat er aber
selbst entwickelt, indem er ausführte, daß der Knabe sich
den schönen Schwestern angepaßt haben kann. (Heiterkeit.)
Der Staatsanwalt ist auch auf das alte polnische
ancien r&gime zu sprechen gekommen, Ich könnte darauf
erwidern, dränge aber meine Worte von den Lippen zurück,
denn ich verschmähe es, in diesen Saal Sachen hinein-