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Zehnter Brief

Full text: Vertrauliche Theaterbriefe / Friedmann, Siegwart (Public Domain)

—Vertrauliche Cheaterbriefe. 
Derjenige Teil des Publikums also, der nicht den 
Mut seiner eigenen Meinung besitzt, wird verwirrt 
und macht flau. Das Stück ist hin! 
Die dritte Gattung nun rekrutiert sich aus Zu— 
hörern mit einseitigem Geschmack. — — Es gibt 
viele sehr verständige Leute, die auch genügend Urteils⸗ 
kraft besitzen und Henrik Ibsen als großen Kenner 
der Menschenseele, als eine der bedeutendsten Erschei⸗ 
nungen unserer Zeit würdigen. Darüber braucht man 
gewiß nicht mehr zu diskutieren. 
Es gibt aber auch nicht wenige, die behaupten, 
daß seine Stücke qualvoll, ermüdend, fast durchweg 
unerfreulich sind; daß sie der Anmut, der Poesie, des 
Schwunges entbehren. Ja du lieber Gott! Das 
sind doch Geschmacksbegriffe, über die sich ebenso— 
wenig streiten läßt! 
Die Vielgestaltigkeit des Publikums einer großen 
Stadt gewährt reichlich Gelegenheit für die Würdigung 
auch anderer großer und minder großer Dichtergaben. 
„Raum für alle hat die Erdel“ 
Das deutsche Volk zumal hat noch Ideale, es 
liebt und verehrt noch seine Klassiker, es glaubt an 
sie, wie keine andere Nation. Und unsere edlen 
großen Dichter verdienen eine liebevollere und sorg⸗ 
fältigere Behandlung aller, die sich damit zu befassen 
haben. 
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