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Volltext : Die Hosen des Herrn von Bredow / Alexis, Willibald (Public Domain)

Frikimmr  AKal-Anttijirr.

(Krirdenauer
Anpartettsch«  Iritwig  für  kommunal«  und  bürgerliche
Ungelegenheitm.
kerugspreis  Kefsuderr

Abholung  aus  der  Geschäftsstelle,
hetnstr.  15,1,50  M.  vierteljährlich;  durch
Sien  ins  Haus  gebracht  oder  durch  die
^vft  bezogen  1,80  M.,  monatlich  60  Ps.

Jecken  Mittwoch;
RlitjbUtt  „Seifenblasen“.

femTpresber:  Nr.  129.

Erscheint  tägtich  aöends.

Zrttnng.)
Organ  für  den  Kriedenauer  Ortsteil  von  ZOneberg  und
Ge^irtsverein  Zudwest.
Deiiagen  Anzeigen

Jecken  SonntLg:
Klarier  für  frauen.

Druck  und  Verlag  von  Leo  Schultz,  Friedenau.
Geschäftsstelle:  RheinTtr.  15.

werden  bis  1  Uhr  mittags  angenommen.
Preis  der  5  gespaltenen  Zeile  oder  deren
Raum  30  Ps.  Die  Rcklamezeile  kostet
75  Ps.  Belagnummer  10  Ps.

fern«preck,«r:  Ile.  ,29.

Nr.  II.

Friedenau,  Mittwoch,  den

13.  Januar  1909

16.  Iahrg.

Aepeschm.
Letzte  Nachrichten.
Berlin.  Gestern  Abend  wurde  eine  Frau  Schuward,
  Schöneberg  Bahnstr.  44  wohnhaft,  die  an  einen  in
der  Gesellschaft  bestens  bekannten  oberschlesischen  Aristokraten
eine  Erpressung  begehen  wollte,  verhaftet.  Der  Mitschuld
dringend  verdächtig  ist  der  Redakteur  Dahsel  der  Wahrheit,
Culmstr.  4,  heut  morgen  ebenfalls  verhaftet  wurde.
Wien.  Gestern  fand  in  der  Pionierkaserne  in
Przamysl  vor  dem  Militärgericht  die  Verhandlung  gegen
den  Leutnant  des  5.  Pionierbattaillons  Anton  Schneider
statt,  die  wegen  verschiedener  Delikte  mit  der  Verurteilung
und  Degradierung  des  Leutnants  endete.  AIS  Schneider
in  den  Gerichtssaal  geführt  wurde,  erfolgte  auf  dem
Korridor  eine  furchtbare  Detonation.  Später  sah  man,
daß  der  Leutnant  buchstäblich  in  Stücke  grrissen  war.  Er
hatte  eine  Ekrastt-Patrone  in  der  Rocktasche  verborgen  gehalten ­
  und,  wie  man  glaubt,  mit  einer  brennenden  Zigarette
zur  Explosion  gebracht.  Die  Wirkung  der  Explosion  war
eine  fürchterliche.  Der  Leutnant  wurde,  wie  bemerkt,  in
Stücke  gerissen,  sämtliche  Fensterscheiben  des  Hauses  und
in  den  Nachbarhäusern  gingen  in  Trümmer  und  von  den
Wänden  wurden  ganze  Stücke  Mauerwerk  losgebrochen.
Görlitz.  Auf  Grube  „Glückauf"  bei  Lichtenau  wurde
von  der  Direktion  den  Bergarbeitern  mitgeteilt,  daß  vom
15.  Januar  ab  eine  Lohnkürzung  von  10  bis  15  Prozent
vorgenommen  werden  wird.  Die  Bergarbeiter  hielten  eine
Versammlung  ab,  in  der  eine  scharfe  Resolution  gegen  die
Bergverwaltung  beschlossen  wurde.
Göttingen.  Der  ordentliche  Professor  der  Mathematik ­
  Dr.  Minkowski  ist  gestern  im  Alter  von  44  Iahen
gestorben.
Straßburg  i.  E.  Ein  schwerer  Rodelunfall  hat  sich
laut  „Straßb.  Bürgerztg."  in  Zabern  ereignet.  Als  die
Rodler  von  der  Höhe  herabgefahren  kamen,  fuhren  sie
zwischen  die  am  Wege  stehenden  Zuschauer.  Von  den
letzteren  wurde  eine  Person  sofort  getötet  und  zwei  schwer
verletzt.
London.  „Daily  Chronicle"  meldet  aus  Pittsburg,
daß  auf  der  Lickbranda-Grube  bisher  erst  50  Leichen  geborgen ­
  werden  konnten.  Man  befürchtet,  daß  sich  noch
über  100  Opfer  der  Katastrophe  in  der  Grube  besinden.
Lokales.
(Nachdruck  unserer  o-Originalartikel  nur  mit  Quellenangabe  gestattet.)
o  Friedenau  an  vierter  Stelle!  Jahrelang  galt
Friedenau  als  der  gesundeste  Ort  und  nur  einmal  im
August  v.  Js.  mußte  es  hier  zurücktreten.  Nach  dem  nun
vorliegenden  Bericht  über  die  Sterblichkeit  in  den  Vororten ­
  im  Monat  Oktober,  ist  Friedenau  wiederum  von
seinem  günstigsten  Platze  verdrängt  worden  und  nimmt  da
sogar  erst  die  4.  Stelle  ein.  Die  geringste  Sterblichkeit

Verschlungene  Pfade.
Roman  von  O.  Elsner.
48  (Nachdruck  verboten)
„Du  übertreibst.  Vielleicht  wäre  es  besser  gewesen,
wir  hätten  dich  in  einfachen  Verhältnissen  erziehen  lassen.
Doch  das  ist  nicht  mehr  zu  ändern.  Du  hast  aber  wenigstens
eine  Erziehung  genossen,  die  dich  in  den  Stand  setzt,  eine
Stellung  als  Gesellschafterin  oder  Erzieherin  anzunehmen
—  und  hierüber  wollte  ich  mit  dir  sprechen."
„Mit  dem  Bewußtsein  meiner  Schande  soll  ich  wieder
unter  die  Menschen?'  Nein  —  nein!"
„Du  bist  töricht,  was  sannst  denn  du  für  deine  Geburt?
Dir  gereicht  sie  nicht  zur  Schande  .  .  .  ."
Johanna  sah  die  Baronin  groß  an.  Dann  lachte  sie
bitter  auf.
„Wenn  das  der  Fall  ist  —*  warum  behalten  Sie  mich
nicht  stiert
Die  Baronin  errötete  vor  Unwillen.
„Das  ist  eine  sehr  naive  Frage,"  entgegnete  sie.  „Wir
kennen  doch  deine  Herkunft,  während  andere  Leute  .  .  .  ."
„Und  soll  ich  etwa  diese  anderen  Leute  belügen,  wenn
sie  mich  nach  meinen  Eltern  fragen?"
„Sie  werden  das  nicht  tun  —  dafür  laß  mich  nur
sorgen.  Ich  habe  eine  Stelle  für  dich  —  Und  zwar  bei
einer  Dame,  welche  nach.England  geht  und  kür  ihre  drei
Kinder  eine  Bonne  sucht.  Hier  —  du  kanpst  den  Brief
selbst  lesen."  ....
Sie  reichte  Johanna  das  Schreiben  hin  und  diese  las
mechanisch  di«  darin  enthaltenen  Worte,  ohne  den  Sinn
zu  verstehen.  Ihre  Gedanken  weilten  ganz  wo  anders.
Sie  sah  das  kleine  Fischerhäuschen  am  Strande  der  Nordjee
—  sie  sah  den  kleinen  Garten  —  sie  sah  die  blühenden
Sommerblumen  —  sie  sah  das  Meer  und  hörte  sein  Brausen
—  und  sie  meinte  den  frischen  Hauch  des  Wassers  zu  empfinden. ­
  Sie  sah  sich  selbst  als  kleines  Mädchen,  ärmlich,
aber  sauber  gekleidet  —  sie  sah  sich  auf  dem  hohen  Ufer
stehen  und  hinausblicken  auf  das  endlose,  wogende,  schäumende ­
  Meer  —  sie  sah  die  Sonne  golden  in  die  See  verhalte ­

  in  dem  Berichtsmonat  Reinickendorf  mit  9,9  auf
1000  Einwohner  und  aufs  Jahr  berechnet:  im  Vormonat
hatte  Reinickendorf,  das  an  dritter  Stelle  war,  eine  Sterblichkeit ­
  von  10,2  v.  T.;  an  zweiter  Stelle  steht  (wie  auch
schon  in  den  beiden  vorhergehenden  Monaten)  Steglitz  mit
einer  Sterblichkeit  von  11,0  v.  T.  Danach  kommt  Tegel
mit  einer  Sterblichkeit  von  12,3  v.  T.;  an  vierter  Stelle
kommt  dann  diesmal  Friedenau  mit  einer  Sterblichkeit
von  13,7  v.  T.  Des  weiteren  folgen  Groß.Lichterfelde
(einschließlich  des  Kreiskrankenhauses)  mit  einer  Sterblichkeit ­
  von  14,1  v.  T.,  es  folgen  dieStandesamtsbezirkeHeiligensee,
  Hohen-  und  Nieder-Schönhausen,  Plötzensee,  Stralau,
Tempelhof  und  Treptow  mit  einer  Sterblichkeit  von  14,2
v.  T.;  Friedrichsfelde  mit  einer  Sterblichkeit  von  14,4
v.  T.;  Pankow  mit  einer  Sterblichkeit  von  17,2  v.  T.;
Weißensee  mit  einer  Sterblichkeit  von  17,5  o.  T.  und  an
letzter  Stelle,  wie  seit  langem  schon,  Boxhagen-RummelSburg
  mit  einer  Sterblichkeit  von  18,3  v.  T.  Die  Sterblichkeitsziffer ­
  Berlins,  die  sich  im  Vormonate  (September
1908)  auf  13,9  v.  T.  (bei  einer  Einwohnerzahl  von
2  097  135)  belief,  ist  im  Oktober  1908  die  nämliche  (13,9
v.  T.)  geblieben.
o  (5harakter-Verlrihung  Dem  Königl.  Kreisarzt
des  Kreises  Teltow  Dr.  Elten-Berlin,  Bayreutherstraße  38,
wurde  der  Charakter  als  „Geheimer  Medizinalrat"
verliehen.
o  Das  Wohnen  der  Beamten  in  den  Vororten ­
  beschäftigt  neuerdings  wieder  die  Behörden.  Das
Wohnen  der  Beamten  auswärts  von  Berlin  soll  zu  manchen ­
  Unzuträglichkeiten  geführt  haben  und  ist  deshalb  eingeschränkt ­
  und  von  der  Genemigung  der  vorgesetzten  Behörde ­
  abhängig  gemacht  worden,  besonders  wenn  Gründe
vorlagen,  die  keine  Genehmigung  rechtfertigten.  Jetzt  ist
man  dieser  Angelegenheit  wieder  näher  getreten,  weil  sich
herausgestellt  hat,  daß  die  Zahl  der  auswärts  wohnenden
Beamten  dauernd  zunimmt,  daß  diese  denselben  Wohnungsgeldzuschuß ­
  wie  die  in  Berlin  wohnenden  Beamten  beziehen, ­
  oft  schwer  zu  erreichen  sind,  bei  Verkehrsstörungen
k.  nicht  pünktlich  zum  Dienst  erscheinen  und  Ämter  in
den  Vororten  bekleiden,  während  es  in  Berlin  immer
schwieriger  wird,  geiegnete  Personen  für  kommunale  u.  a.
Ehrenämter  zu  finden/  (Die  hier  vorgebrachten  Gründe
erscheinen  wirklich  für  sehr  „schwerwiegend"  um  den  Beamten
ein  gesundes  und  ruhiges  Wohnen  in  der  stillen,  vor  dem
nervenauftreibenden  Lärm  der  Großstadt  geschützten  Vororten ­
  zu  verbieten.)  Red.
o  Der  Bebaung  erschlossen  wird  jetzt  auch  das
im  Schöneberger  Ortsteil  zwischen  der  Schöneberger  Hauptstraße, ­
  der  Holbeinstr,  der  Wannseebahn  und  der  Sponholzstraße
  belegene  Park-Gelände.  Für  diese  im  Besitze  alteingesessener ­
  Schöneberger  Familien  befindlichen  Ländereien ­
  wird  jetzt  ein  Bebauungsplan  aufgestellt.  In  diesem
sind  zwei  Straßen  vorgesehen;  die  eine  läuft  von  Westen

sinken  und  Wasser  und  Himmel  mit  roten  Gluten  überflammen ­
  —  sie  sah  die  flinken  Fischerboote  heimkehren  —<
sie  hörte  den  Schrei  der  Möwen  und  sah  den  Seeadlerhoch
  oben  im  Aetherblau  schweben  —  das  alles  sah  sie
deutlich  im  Geiste  —  und  plötzlich  wußte  sie,  wo  ihre
Heimat  >var,  wo  sie  sich  verbergen  konnte  vor  der  Welt,
vor^  den  Menschen,  denen  sie  nicht  mehr  ins  Gesicht  zu
sehen  wagte.
Sic  stand  da  ivie  in  einem  Traum  befangen  und  starrte
vor  sich  hin,  noch  immer  den  Brief  in  der  schlaff  herabhängenden ­
  Hand  haltend.  Ihre  Tränen  lvaren  versiegt,
ihr  Gesicht  nahm  einen  ernsten,  ruhigen  Ausdruck  an.
Ihre  Seele  fühlte  keine  Schmerzen  mehr;  es  lag  wie
eine  Betäubung  auf  ihr,  dennoch  aber  konnte  sie  scharf
und  klar  denken  und  Entschlüsse  fassen.
„Nun,"  fragte  die  Baronin,  welche  die  seltsame  Veränderung ­
  in  Johannas  Wesen  dem  Inhalt  des  Briefes
zuschrieb  und  aufatmete,  daß  die  Erregung  vorüber  war,
„bist  du  mit  dem  Inhalt  des  Briefes  einverstanden?""
„Ja  —  ja...  ."
„Nun  gut.  So  lverde  ich  noch  heute  an  die  Gräfin
Gricbeustein  schreiben.  Für  deine  Ausstattung  werde  ich
natürlich  Sorge  tragen,  später  mußt  du  für  dich  selbst
sorgen,  du  erhälst  ja  ein  gutes  Gehalt.  Wenn  du  dir  das
Wohlwollen  der  Gräfin  erwirbst,  bist  du  für  dein  ganzes
Leben  versorgt.  Noch  eins  —  mit  Tilly  kannst  du  dann
und  wann  Briefe  ivechseln,  wir  werden  uns  stets  freuen,
zu  hören,  daß  es  dir  gut  geht.  Aber  ich  hoffe,  daß  du
ehrenhaft  genug  denkst,  jede  Verbindung  mit  meinem  Sohn
abzubrechen."
„Frau  Baronin  können  sich  darauf  verlassen,"  entgegnete ­
  Johanna  ernst  und  stolz,  während  eine  feine  Röte
in  ihre  blassen  Wangen  stieg.
„Ich  glaube  dir.  Und  nun  geh'  auf  dein  Zimmer  und
ordne  deine  Sachen.  Ich  selbst  werde  dich-  in  drei  Tagen
der  Gräfin  zuführen."
Sie  reichte  Johanna  die  Hand,  doch  diese  schien  es
nicht  zu  bemerken,  sie  verbeugte  sich  leicht  und  verließ  das
Zimmer.

nach  Osten  und  verbindet  die  Sponholz-  mit  der  Holbeinstraße, ­
  die  andere  geht  von  der  Hauptstraße  ab,  durchzieht
das  Gelände  von  Norden  nach  Süden  und  mündet  schließlich ­
  in  eine  dritte  Straße  ein,  die  parallel  mit  dem  Bahnkörper ­
  der  Wannseebahn  läuft.  Lebhaft  zu  bedauern  ist
es,  daß  der  alte,  herrliche,  über  25  Morgen  große  Park,
der  im  Sommer  der  Tummelplatz  der  befiederten  Sänger
war,  in  wenigen  Jahren,  verschwunden  sein  wird.
o  Potsdamer  Handelskammer  —  Berliner
Tageblatt  und  die  Berliner  Vorortpresse.  In  der
am  Sonnabend  in  Berlin  stattgefundenen  ersten  Jahresversammlung ­
  des  „Vereins  Berliner  Vorortpresse"  nahm
die  erregte  Debatte  über  den  im  Dezember  v.  I.  im
„Berliner  Tageblatt"  veröffentlichten  Briefwechsel  zwischen
der  Potsdamer  Handelskammer  und  dem  Verleger  genannten
Blattes,  Rudolf  Moffe,  in  den  Verhandlungen  einen
breiten  Raum  ein.  In  einem  Schreiben  der  Potsdamer
Handelskammer  war  nämlich  die  bis  jetzt  noch  nicht  bewiesene ­
  Behauptung  aufgestellt  worden,  „die  Presse  habe
wiederholt  den  Wunsch  geäußert,  für  Preßnotizen,  wenn
sie  in  extenso  und  regelmäßig  aufgenommen  werden
sollen.  Honorierung  zu  beanspruchen,  namentlich  die
Berliner  Vorortpresse  gehe  sogar  nach  und  nach  dazu  über,
jede  Aufnahme  von  Preßnotizen  abzulehnen,  wenn  sie
keine  Honorierung  dafür  empfängt."  Durch  das  „Berliner
Tageblatt"  und  andere  Blätter  wurde  der  Schriftwechsel
weiteren  Kreisen  bekannt,  und  wurde  das  Verlangen  derartiger ­
  Zeitungen,  und  sofern  sich  die  Behauptung  der
Potsdamer  Handelskammer  bewahrheitete,  mit  Recht  scharf
verurteilt.  Die  berufenen  Vertreter  der  Vorortpresse
wiesen  sofort  in  zwei  Schreiben,  die  in  dem  genannten
Blatte  zum  Abdruck  kamen,  die  Behauptung  der  Potsdamer ­
  Handelskammer  zurück  und  forderten  sie  auf,  die
Namen  der  Zeitungen  zu  nennen,  welche  für  redaktionelle
Mitteilungen  Bezahlung  beanspruchen.  Das  ist  bis  jetzt
nicht  geschehen.  Das  unfaire  Verhalten  der  Potsdamer
Handelskammer  wurde  in  der  stark  besuchten  Versammlung
stark  gegeißelt  und  einstimmig  beschlossen,  nachstehendes
Schreiben  an  die  Potsdamer  Handelskammer  zu  richten
und  dasselbe  in  der  deutschen  Presse  zu  verbreiten:
„An  die  Pilsdamer  Handelskammer,  Berlin  NW,  Dorothecnstr.
Wir  erlauben  urs  Ihnen  ergebenst  mitzuteilen,  daß  die  zum
9.  Januar  cr.  getagte  Versammlung  des  „Vereins  Berliner  Vorort
presse"  fich  u.  a.  auch  mit  der  Zuschrift  der  Potsdamer  Handelskammer, ­
  welche  diese  unterm  9.  v.  M.  an  den  Verleger  des  „Berliner
Tageblattes"  richtete,  beschäftigt  hat.  —  In  diesem  Schreiben  hat  die
Kammer  ganz  offenkundig  zum  Ausdruck  gebracht,  daß  der  redaktionelle
Teil  der  Vororlpreffe  für  Geld  käuflich  sei  und  daß  seitens  der
Vorortpreffe  wiederholt  derartige  Ansinnen  an  sie  gerichtet  seien.  Ist
an  sich  schon  eine  derartig  schwere  Beschuldigung  geeignet,  das
Ansehen  und  die  Ehre  der  Preffe  wesentlich  zu  beeinträchtigen,  so
gewinnt  diese  Ehrenkränkung  noch  dadurch  an  Bedeutung,  daß  sie  von
einer  Körperschaft  ausgeht,  welche  die  berufenste  Vertreteitn  des
Ansehens  und  der  Ehrenhaftigkeit  des  deutschen  Kaufmanns  sein  soll,
und  das  bis  heute  trotz  öffentlicher  Aufforderung  nicht  die  leiseste
Spur  einer  Beweisführung  für  ihre  dem  Ansehen  der  deutschen  Puffe

Die  Baronill  sah  ihr  erstaunt  nach;  dann  flog  ein,
spöttisches  Lächeln  über  ihre  hageren  Züge.
„Das  Blnt  verleugnet  sich  nicht,"  murmelte  sie.  „Wahrhaftig, ­
  sie  war  ganz  Dame,  als  sie  so  stolz  abging.  Vielleicht ­
  lväre  eine  gute  ,Schauspielerin  aus  ihr  geworden,"
setzte  sie  lächelnd  hinzu.
Dann  nahm  sie  an  ihrem  Schreibtisch  Platz,  um  aft
die  Gräfin  Griebenstein  zu  schreiben.
Als  Johanna  das  Speisezimmer  durchschritt,  kam  ihr
Tillh  entgegen.  „
„Um  Gottes  willen.  Johanna,  wie  siehst  du  aus?"
Johanna  lächelte  bitter.
„Eine  Stunde  kann  in  einein  Menschenleben  viel  bedeuten, ­
  Tilly!"
„Mein  Gott,  lvas  ist  geschehen?  Was  hat  Mama  dir
gesagt?"
„Nichts  weiter,  als  was  ich  schon  längst  hätte  wissen
müssen."
„Hat  sie  über  Arno  init  dir  gesprochen?"
Eine  dunkle  Blutwelle  ergoß  sich  in  Johanngs  Gesicht. ­
  Sie  gedachte  lvieder  der  demütigen  Bemerkung  der
Baronin,  als  sie  Arnos  Namen  genannt,  und  ein  Gefühl
der  Schani  quoll  heiß  und  brennend  in  ihrem  Herzen  empor.
„Das  ist  alles  vorüber,  Tilly  —-  oder  muß  ich  jetzt
Baronesse  zu  dir  sagen?"
„Was  bedeutet  das,  Johanna?"
„Es  bedeutet,  daß  die  Frau  Baronin  inir  über  meine
Stellung  hier  ini  fmuse  und  in  der  Welt  die  Augen  geöffnet
hat.  Ich  bin  ihr  dankbar  dafür;  jetzt  weiß  ich  doch,  woran
ich  bin.  Ich  muß  bisher  blind  gewesen  sein,  Baroneß  Tilly!
Es  ist  nicht  gut,  wenn  die  Menschen  zu  freundlich  zu  einem
sind,  dann  gibt  man  sich  leicht  der  Täuschung  hin,  daß  die
Welt  nur  voll  Sonnenschein  wäre.  Kommen  dann  dunkle
Wolken  und  Gcwitterstürme,  dann  steht  man  angstvoll  da
und  weiß  nicht  wohin.  Ich  bin  jetzt,  Gott  sei  Dank,  sehend
geworden,  Baronetz  Tilly,  und  fürchte  mich  nicht  mehr  vor
dem  Gewitter."
(Fortsetzung  folgt.)
            
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