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Zweiter Teil. 1874-1877 Sechstes Kapitel. Deutschland und die Parteien in Frankreich

Full text: Meine Botschafterzeit am Berliner Hofe 1872-1877 / Gontaut-Biron, Élie de (Public Domain)

Bismarck und der 16. Mai. 
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Denkwürdigkeiten des Fürsten Hohenlohe bestätigen sie gleich— 
falls. Der deutsche Botschafter schreibt in seinem Tagebuch vom 
6. September 1877, über eine Unterredung mit dem Reichskanz⸗ 
ler: 
„Zum Anfang sprachen wir auch über die Wahlen in Frank— 
reich, und Bismarck meinte, es sei nötig, während derselben noch 
etwas bedrohlich aufzutreten. Das brauche aber nicht in Paris 
zu geschehen, sondern werde von Berlin aus in Szene gesetzt wer⸗ 
den. Der Kaiser erschwere die Durchführung der Politik gegen— 
über von Frankreich, da er sich fortwährend durch Gontaut be— 
stimmen lasse, auf die „Solidarität der konservativen Interessen“, 
die alte Politik Arnims, Wert zu legen, statt darauf zu sehen, daß 
Frankreich uneinig und bündnisunfähig bleibe.“*) 
Die Furcht vor dem Krieg, und der Glaube, daß ein Sieg der 
Konservativen bei den nächsten Wahlen das Signal dazu sein 
werde, war eines der Gefühle, aus denen die Opposition Nutzen 
zog, und das von der dem Fürsten Bismarck ergebenen Presse 
sorgfältig gepflegt wurde. Die Taktik ging dahin, das neue Mi⸗ 
nisterium des Herzog von Broglie als klerikal und in den Fesseln 
der Geistlichkeit liegend darzustellen, das unfehlbar, wenn es 
Sieger und Herr der Geschicke Frankreichs bliebe, dazu schreiten 
würde, zur Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft des Pap⸗ 
— — Angesichts dieser Möglichkeit 
zeigte man Italien bereits an der Arbeit, seine Vorsichtsmaßre— 
geln zu treffen und sich durch ein Bündnis der Hilfe Deutschlands 
zu versichern. Der Kampf, den der Kanzler selbst in Deutschland 
gegen den Katholizismus führte, konnte ihn für eine Partei nur 
günstig stimmen, deren Führer von der Tribüne der Kammer 
seinen berühmten Ruf ertönen ließ: Der Klerikalismus ist der 
Feind! Damit war es erklärlich, daß der Sieg dieser Partei mit 
einiger Sicherheit als das einzige Schutzmittel, zur Vermeidung 
liche Mensch muß zugeben, daß dort keine Elemente für eine klerikale Regierung vor— 
handen sind. Auch der Graf Chambord hätte, wenn er auf den Thron gekommen 
wäre, ebensowenig eine klerikale Politik treiben können, als der Präsident der 
Republik. „Ich bin ganz Ihrer Ansicht,“ erwiderte Lord Russell; „diese Furcht vor 
dem Klerikalismus ist die reinste Einbildung.“ 
*2) Hohenlohe, Denkwürdigkeiten II, S. 221.
	        
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