Path:
Zweiter Teil. 1874-1877 Fünftes Kapitel. Abkühlung in den französisch-russischen Beziehungen

Full text: Meine Botschafterzeit am Berliner Hofe 1872-1877 / Gontaut-Biron, Élie de (Public Domain)

Herrn von Gontauts Auffassung über Englands Verhalten. 568 
auf England gerichtet halte, heute erhält Osterreich die gleiche Lek⸗— 
tion in der nämlichen Angelegenheit. Alle unbeteiligten Leute 
predigen uns Vorsicht.“*) 
Diesen Rat erteilte auch Baron Jomini an Herrn von Gon⸗ 
taut. „Es drängt mich,“ sagte er ihm am 9. Juni, „Ihnen ver— 
traulich mitzuteilen, daß uns Bismarck seit einigen Tagen von 
Berlin aus mit Zuvorkommenheiten und Freundlichkeiten über— 
häuft, was bis jetzt nicht seine Stärke war. Er findet den russi— 
schen Vorschlag vom 6. Juni nach eingehender Prüfung vortreff⸗ 
lich,“ so schreibt er, „und erklärt sich bereit, zu tun, was Rußland 
für gut findet usw. Nach Wien sind sehr energische Vorstellungen 
ergangen, wegen der in den letzten Tagen erschienenen, für uns 
beleidigenden Artikel der Presse. Ich vermute, daß es Ihr 
Schwanken ist, das uns diese Gnadenbezeugungen einträgt. Neh—⸗ 
men Sie sich in acht.“ 
Wir wollen Herrn von Gontaut nicht bei all den mit uner— 
müdlicher Geduld unternommenen Bemühungen, seine Regierung 
zu rechtfertigen, begleiten. Die Haltung, die Anklagen und die 
Erwiderungen blieben bis auf die äußere Form hinaus stets die 
gleichen. Besonders heftig waren die Vorwürfe Rußlands gegen 
England, und hier machte Herr von Gontaut, ohne die Regierung 
von Sankt James ganz zu entschuldigen, doch kein Hehl aus sei— 
ner abweichenden Anschauung. Er ging nicht soweit, wie sogar 
Fürst Orlow selbst, der in einer Depesche, die den russischen Kanz⸗ 
ler in Wut versetzte, England als den „Beleidigten“ hinstellte, 
aber er fand es doch ganz begreiflich, daß es sich durch das Verhal— 
ten der drei kaiserlichen Höfe, die mit der Feststellung des Memo— 
randums in Berlin sich anzumaßen schienen, die schwebende Frage 
für sich allein regeln zu wollen, verletzt fühlte. 
Trotzdem schien das englische Kabinett einen Augenblick einer 
versöhnlicheren Haltung zugeneigt, was Herr von Gontaut an 
der Stimmungsänderung des Fürsten Gortschakow zu bemerken 
glaubte. „Heute früh,“ schrieb er am 14. Juni an den Herzog 
5) Ein anderes Mal schreibt Graf d'Aunay, „die Russen sind über unsere an— 
geblichen Verhandlungen mit England verstimmt. Heute bestätigt die „Kölnische 
Zeitung“, daß der Herzog Decazes nach allen Seiten auf Bündnisse ausgehe und 
überall Abweisungen erfahre.“ 
36*
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.