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Zweiter Teil. 1874-1877 Fünftes Kapitel. Abkühlung in den französisch-russischen Beziehungen

Full text: Meine Botschafterzeit am Berliner Hofe 1872-1877 / Gontaut-Biron, Élie de (Public Domain)

Die Intervention in Konstantinopel wird vertagt. 
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änderte. Zu der Zeit, als eben die identische Note der fünf Mäch— 
te der Pforte übergeben werden sollte, in der Nacht vom 29. zum 
30. Mai, brach in Konstantinopel eine Palastrevolution aus, Ab— 
dul Aziz wurde entthront, und durch Murad V. ersetzt. Damit 
war alles in Frage gestellt. 
Die diplomatischen Vertreter in Konstantinopel verschoben 
auf ihre Verantwortung die Übergabe der Note, und erbaten In— 
struktionen von ihren Regierungen. Herzog Decazes erblickte in 
dieser neuen Situation eine Gelegenheit zur Annäherung der 
sechs Mächte, und suchte das zu benützen. Er stellte alsbald die 
Ansicht auf, daß es vor Übergabe der Note an die neue Regierung 
richtig und zweckmäßig sei, diese erst in Tätigkeit zu sehen, und 
sich über ihre Absichten zu orientieren. Solange der neue Sultan 
nicht den Beweis geliefert habe, daß er die schlechte Politik seines 
Vorgängers fortzusetzen gesonnen sei, scheine die Note gegen— 
standslos zu sein. 
In der Zwischenzeit begab sich Herr von Gontaut nach Ems, 
das infolge der gleichzeitigen Anwesenheit des Zar und des Für— 
sten Gortschakow für einige Zeit ein wichtiger Mittelpunkt der 
Verhandlungen wurde. Während dieser kurzen Periode galt es 
für ihn, seine ganze diplomatische Begabung einzusetzen, um den 
Ärger des Fürsten Gortschakow über unsere Haltung zu beschwich— 
tigen. Diese Verstimmung war um so bedauerlicher, als sie ganz 
unvermittelt den erneuten Freundschaftsversicherungen folgte, die 
der russische Kanzler kurz zuvor in Berlin Herrn von Gontaut ge— 
geben hatte: „Unsere Beziehungen zu Ihnen,“ hatte er sogar in 
Gegenwart des Fürsten Bismarck, so daß dieser es hören mußte, 
geäußert, „werden von Tag zu Tag bessere, wir können uns in 
allem nur lobend über den Herzog Decazes aussprechen.“ 
Am Tag seiner Ankunft in Ems, am 1. Juni, hatte unser 
Botschafter eine Begegnung mit dem Fürsten Gortschakow, die er 
in seinen Tagebuchblättern nachstehend schildert: 
„Ich habe auf der Promenade den Fürsten Gortschakow, den 
Grafen Karolyi und den Baron Jomini getroffen. Fürst Gort—⸗ 
schakow, den ich in dem Augenblick begegnete, als ich den Grafen 
von Paris begrüßte, dessen Anwesenheit in Ems ich kurz vorher 
erfahren hatte, blieb lange mit mir zusammen. Zunächst gingen 
Gontaut-⸗Biron. 35
	        
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