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Zweiter Teil. 1874-1877 Fünftes Kapitel. Abkühlung in den französisch-russischen Beziehungen

Full text: Meine Botschafterzeit am Berliner Hofe 1872-1877 / Gontaut-Biron, Élie de (Public Domain)

544 Abkühlung in den französisch-russischen Beziehungen. 
matischen Schritte zur Beendigung des Streites erfolglos bleiben 
sollten. England war ein ausgesprochener Gegner einer der— 
artigen Intervention. 
Das Verhalten Rußlands war ganz geeignet, die Spaltung 
zu erweitern. Anstatt eine Versöhnung zu versuchen, wollte es 
zuerst darüber hinweg gehen, und war zu hitzig. Am 17. Mai 
hatte England seine Absage mitgeteilt, und schon am 19. schlug 
Fürst Gortschakow vor, auf die Mitwirkung von England zu ver⸗ 
zichten, und der Pforte eine gemeinsame Note mit dem Terte des 
Berliner Memorandums zu überreichen. 
„Das ist,“ schrieb Herr von Gontaut in seinen Notizen, „ein 
ernster Fall, und der Ausgangspunkt von Schwierigkeiten. Nach 
der Behauptung des Herrn von Oubril wollen sterreich und 
Deutschland auf die Idee Rußlands eingehen. Dennoch erheben 
sich Zweifel zwischen den drei Mächten, die sich aber nur auf die 
Form des Vorgehens beziehen, denn am 21. versicherte mich Herr 
von Bülow, man sei entschlossen, zu fünf vorzugehen, da es zu 
sechs nicht möglich sei. Am 22. noch keine Entschließung: bis zu 
diesem Zeitpunkt hatte Rußland dem Kabinett in Versailles noch 
keinen offiziellen Vorschlag zugehen lassen. Herzog Decazes 
glaubt, daß der eigentliche Grund der Verzögerung mehr der 
schwere Entschluß sei, sich von England zu trennen, als der Streit 
über die Form des Vorgehens zu fünf. Er hatte recht. Zu glei— 
cher Zeit beginnt er auf Ersuchen von Österreich und Rußland, 
mit England über seinen Beitritt zu dem allgemeinen Konzert zu 
verhandeln. Er bekämpft lebhaft die von Lord Derby zur Recht— 
fertigung seines ablehnenden Standpunktes vorgebrachten Grün— 
de. Endlich, am 20., schickt das französische Kabinett, nachdem es 
sich von der Hoffnungslosigkeit, England zu einer Anderung sei— 
ner Ansicht zu bewegen, überzeugt hat, seinem Gesandten in Kon— 
stantinopel die Weisung, sich den Vertretern der drei kaiserlichen 
Höfe und Italiens bei der Überreichung der identischen Note an 
die Pforte anzuschließen. Dabei bleibt es aber weiter bemüht, 
von neuem die Gelegenheit zu ergreifen, um die augenblicklich ge— 
störte Einigkeit der Mächte wieder herzustellen.“ 
Kaum hatte der Herzog Decazes sich zu dem eben erwähnten 
Schritte entschlossen, als ein unvorhergesehenes Ereignis alles
	        
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