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Zweiter Teil. 1874-1877 Viertes Kapitel. Die Krisis 1875 (Fortsetzung). Die Sorgen des Reichskanzlers

Full text: Meine Botschafterzeit am Berliner Hofe 1872-1877 / Gontaut-Biron, Élie de (Public Domain)

Bismarcks Groll auf Herrn von Gontaut. 
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über den genauen Zeitpunkt, zu dem man über uns herfallen 
wollte, so ist ein solcher über die Absicht dazu, völlig ausgeschlos— 
sen. Der selbstgefälligen Beweisführung des Reichskanzlers wird 
es nicht gelingen, die während dieser Periode entstandenen Über— 
zeugungen zu erschüttern, und ich erinnere mich noch der ironi— 
schen Betonung, mit der der Kaiser von Rußland zu mir sagte: 
„Stellen Sie sich vor, der Fürst Bismarck führt die ganze Krisis 
auf Börsenmanöver zurück!“*) Unter den Mitgliedern des diplo— 
matischen Korps gibt es nur wenige, die nicht so gut wie ich wüß— 
ten, woran sie sich in dieser Beziehung zu halten haben, und die 
nicht gelegentlich ebenso, wie dies der Vertreter eines deutschen 
Kleinstaates mir gegenüber getan hat, zugestehen würden, daß der 
Reichskanzler seinen Zweck nicht erreicht hat.“ 
Unter den Personen, die er als die Urheber seiner Niederlage 
betrachtete, stellte Fürst Bismarck ganz richtig in erster Linie den 
französischen Botschafter, über den er bis zu dem Tage seiner Ab— 
berufung von Berlin die Schale seines Grolles in reichstem Maße 
ergoß. Vergeblich hatte Herr von Gontaut, im Monat Juni vor 
seiner Abreise in ein Bad, versucht, ihn zu sprechen; Fürst Bismarck 
war völlig unnahbar. Als er auf die durch Herrn von Radowitz 
vermittelte Bitte um eine Zusammenkunft keine Antwort erhielt, 
x) Herr Lefebore de Béhaine schreibt am 30. Juni aus München an Herrn von 
Gontaut: „Ich habe hier erfahren, daß der Kaiser von Rußland seiner Schwester in 
Württemberg beruhigende Versicherungen über den Frieden gegeben hat mit dem 
Hinzufügen, daß in Berlin eine Zeitlang ein sehr kriegerischer Wind geweht habe.“ 
Nach Ansicht des Herzog Decazes waren aber die Besorgnisse des Zar noch nicht 
geschwunden. Er schreibt am 27. Juni an Herrn von Gontaut: „Ich glaube zu wissen, 
daß der Zar von Jugenheim im Grunde genommen sehr wenig beruhigt abgereist ist. 
Und was den Fürsten Gortschakow betrifft, so weiß ich, daß er, während er öffentlich 
sich für den Frieden verbürgt, im geheimen denkt: „Gott sei Dank! Sie sehen. daß 
man in England ebenso wenig beruhigt ist ...“ 
Fürst Bismarck dagegen behauptet in seinen , Gedanken und Erinne— 
rungen“, der Zar habe nicht an seine kriegerischen Absichten geglaubt (vgl. weiter 
unten S. 528). Nach einem Brief des Prinzen Reuß vom Januar 1876 versicherte 
der Zar, daß er den Fürsten Bismarck für friedlich gefinnt halte und volles Ver— 
trauen zu ihm habe, daß aber niemand dieses Vertrauen teile: es ist Schuld der 
deutschen Presse und besonders der Zeitungen, daß man sie im letzten Frühjahr als 
Organe des Ministeriums des Außern betrachtete; die ungeschickten Dementis dieser 
Blaͤtter hatten nur die Meinung bestärkt, daß man den Krieg ernstlich gewollt habe. 
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