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Zweiter Teil. 1874-1877 Erstes Kapitel. Der Zwischenfall der bischöflichen Hirtenbriefe

Full text: Meine Botschafterzeit am Berliner Hofe 1872-1877 / Gontaut-Biron, Élie de (Public Domain)

Wunderlichkeiten der Großfürstin Marie. 
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Als ich in Petersburg eintraf, sprach die ganze Stadt von einem 
wunderlichen, den deutschen Botschafter in Verlegenheit setzenden 
Einfall, den sie zwei Tage vorher bei dem Feste einer vornehmen 
Dame der russischen Gesellschaft gehabt hatte. Bei Tisch forderte 
sie den ihr gegenüber sitzenden Prinzen Reuß auf, mit ihr auf 
die Gesundheit des Kaiser Wilhelm zu trinken, nicht etwa weil er 
der deutsche Kaiser, sondern weil er ihr Onkel sei. Dann gleich 
nachher, auf das wieder mit Frankreich vereinigte Elsaß-Lothrin— 
gen, und schließlich auf die Gesundheit des Erzbischof Ledochowski 
und des Papstes. ... Der deutsche Botschafter tat, als ob er es 
nicht gehört hätte und half sich so aus der peinlichen Lage. Noch 
am gleichen Abend ehe sie sich verabschiedete, war ihr das Unpassen⸗ 
de der Toaste in diesem Kreise zum Bewußtsein gekommen und sie 
fühlte sich doch etwas in Verlegenheit versetzt. Am anderen Tag 
machte ihr der Kaiser, der die Sache erfahren hatte, heftige Vor— 
würfe darüber, und sie entschuldigte sich bei dem Prinzen Reuß, 
der sie sehr frostig aufnahm. 
„Dieser Vorgang war geeignet, mich gegenüber der Groß— 
fürstin zu besonderer Vorsicht zu mahnen. Da ich nicht von allen 
Großfürsten empfangen zu werden wünschte, unterließ ich es auch, 
ihr meine Aufwartung zu machen, obwohl man mich von ihrer 
Seite dazu aufgefordert hatte. Aber, wie schon erwähnt, gab sie 
mir durch einen Dritten zweimal den Wunsch zu erkennen, mich zu 
sehen und ließ mir dabei sagen, sie denke nicht an einen offiziellen 
Empfang, ich solle nur den Wunsch aussprechen, ihr Palais, das 
nebenbei gesagt, ein wahres Kunstmuseum ist, zu besichtigen, und 
dabei würde ich ihr, wie zufällig, begegnen. Unter diesen Umstän— 
den sah ich keine Unzuträglichkeiten in einem Zusammentreffen, 
und so kam meine persönliche Begegnung mit der Großfürstin 
auch wirklich zustande. Sie war sehr gnädig und sehr vertrauens- 
voll, sprach hauptsächlich von ihrer Sympathie für Frankreich und 
ihrer Abneigung gegen Deutschland, betonte aber dabei wiederholt 
das Unglück für unser Land, keine feste und definitive Regierung 
zu haben. 
„Wie können Sie verlangen, daß man sich mit Ihnen ein— 
läßt? Suchen Sie sich zu erholen, zu reorganisieren und zu kon— 
stiluieren, dann können wir es so machen“; diese Worte begleitete
	        
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