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Zweiter Teil. 1874-1877 Erstes Kapitel. Der Zwischenfall der bischöflichen Hirtenbriefe

Full text: Meine Botschafterzeit am Berliner Hofe 1872-1877 / Gontaut-Biron, Élie de (Public Domain)

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Der Zwischenfall der bischöflichen Hirtenbriefe. 
mühungen zu Dank verpflichtet, und freue mich, aus Ihrem 
Munde zu hören, daß Ihre Regierung die Hirtenbriefe der 
Bischöfe verurteilt und bemüht ist, ihre Sprache zu mildern. Im 
übrigen sind wir schon durch die von dem Minister des AÄußern 
dem Grafen Arnim vor einigen Wochen gegebenen Erklärungen 
über Ihre Absichten beruhigt worden.“ 
„Als ich mich erhob, um mich zu verabschieden, wiederholte 
Herr von Bülow: „Ich bin über Ihren Besuch und über unsere 
Aussprache in der Angelegenheit sehr erfreut. Da sie als erster 
sich geäußert haben, will ich Ihnen offen sagen, daß wir durch 
die Sprache Ihrer Bischöfe ganz besonders beunruhigt waren. 
Sie wissen, daß die Mißstimmung gegen Frankreich in Deutsch— 
land schon groß genug ist, und sie durch diese Hirtenbriefe noch zu 
steigern, das hieße die Erregung der protestantischen Bevölkerung 
auf das äußerste treiben. Ich muß noch hinzufügen, daß die 
Fortsetzung dieser Vorgänge die Veranlassung zu recht ern— 
sten Verwickelungen hätte werden können; um so mehr 
sind wir durch die Initiative Ihrer Regierung befriedigt, 
die uns über ihre Absichten beruhigt. Ich bin über alle Ihre 
Mitteilungen sehr erfreut und werde dem Fürsten Bismarck davon 
Kenntnis geben.“ 
„Mein Eindruck von dieser Unterredung, Herr Herzog, ist zu⸗ 
nächst, daß seit etwa einem Monat in den hiesigen offiziellen Krei— 
sen eine sehr große Erregung über Frankreich herrscht, die zu 
sehr bedauerlichen Konsequenzen führen könnte (Herr 
von Bülow betonte dies zweimal); dann scheint mir zweifellos, 
daß er über die Maßnahmen unserer Regierung und meine Be— 
mühung ihn darüber aufzuklären sehr befriedigt war. Ich hoffe 
deshalb, daß der Zwischenfall allmählich vorübergehen wird, 
fürchte jedoch, daß er in dem Herzen der deutschen Staatsmänner 
Spuren zurückgelassen hat, die nur die peinlichste Vorsicht mit 
der Zeit verwischen kann. 
„Man darf im übrigen nicht vergessen, daß Herr von Bis— 
marck ein sehr großes Interesse daran hat, angesichts der Reichs— 
tagswahlen das nationale Gefühl zu erregen und die Verstim— 
mung gegen die Katholiken sowie die Furcht vor der französischen 
Revanche in Atem zu halten. Es ist deshalb wohl möglich, daß
	        
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