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Erster Teil. 1872-1873 Zwölftes Kapitel. Die Versuche zur Wiederherstellung der monarchischen Regierung in Deutschland

Full text: Meine Botschafterzeit am Berliner Hofe 1872-1877 / Gontaut-Biron, Élie de (Public Domain)

346 Versuche zur Wiederherstellung der monarch. Regierung und Deutschland. 
große Steuern auferlegen mußten, und daß aus diesem Grunde 
unser Budget eine Erhöhung von 700 Millionen erfahren hat? 
„Haben wir eine schlechte Ernte, eine Handels- oder politische 
Krisis, so ist der Eingang unserer Steuern erschwert, vielleicht 
sogar in Frage gestellt. Allen diesen Aufgaben können wir nur 
mit großer Weisheit, viel Arbeit, und folglich viel Ruhe, gerecht 
werden. Zum Kriegführen würde es uns vollständig an Geld 
fehlen, und wollte man, das Unmögliche angenommen, unter den 
jetzigen Verhältnissen eine Anleihe ausschreiben, so würden die 
Kapitalisten sie nicht zeichnen. Das ist die wahre Situation, und 
Graf Chambord muß sich, wenn er den Thron Frankreichs be— 
steigt, ebenso mit ihr abfinden wie wir.“ 
In einem der Briefe, in denen ich über diese Unterredung 
vertraulich an den Herzog von Broglie berichtete, äußerte ich auch: 
„Graf Launay ist höflich, aber offenkundig feindselig; er macht 
mir seit dem Besuch seines Königs in Berlin den Eindruck eines 
gewissen Siegesbewußtseins, das ich früher nicht an ihm kannte.“ 
Mit einigen Variationen entwickelte ich das gleiche Thema 
dem englischen Botschafter gegenüber. Lord Odo Russell lebte 
mit dem Fürsten Bismarck und den Mitgliedern der deutschen 
Regierung auf einem intimen Fuße, und darum war die Befürch— 
tung berechtigt, daß er bis zu einem gewissen Grade diesem Ein— 
fluß unterworfen sei; aber trotzdem konnte ich mit einem so er— 
leuchteten Geiste die Angelegenheiten Frankreichs in freimütiger 
Weise besprechen. Ich bestand ihm gegenüber darauf, daß inner— 
halb der monarchischen Bewegung der Einfluß der gemäßigten 
Männer der überwiegende sei, und daß man betreffs der Absichten 
des Grafen Chambord alle Veranlassung zu der Annahme habe, 
daß sie, in bezug auf die äußere Politik mit allen Ländern, den 
Stempel der Weisheit und Klugheit tragen werden. Lord Odo 
Russell kam eben von Paris, wo er mit Thiers bei Arnim zum 
Frühstück eingeladen war; der letztere hatte nach einer Unter— 
redung mit dem Reichskanzler, durch die, wie er behauptete, dessen 
Vorurteile gegen ihn beseitigt worden seien, eben seinen Posten 
wieder übernommen. Über den Erfolg der Monarchisten sprach er 
seine Zweifel aus. Allerdings wußte man zu dieser Zeit von dem 
Ergebnis der Salzburger Zusammenkunft noch nichts. „Von der
	        
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