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Erster Teil. 1872-1873 Siebentes Kapitel. Die innere Lage Frankreichs und die Eindrücke im Auslande

Full text: Meine Botschafterzeit am Berliner Hofe 1872-1877 / Gontaut-Biron, Élie de (Public Domain)

Der Sieg des Herrn Thiers. 
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mit dem Ausspruch, daß seine Taten mit seinen Worten im Wider⸗ 
spruch stehen. Er führte das Land zur endgültigen Republik, re⸗ 
gierte von Anfang an mit der Minderheit der Nationalversamm⸗ 
lung, ermutigte die republikanischen Adressen der General- und 
Munizipalräte und tat nichts gegen die die Nationalversammlung 
hedrohenden Angriffe der republikanischen Presse: So befand sich 
schließlich die Kammer infolge der häufigen Eingriffe des Präsi— 
denten bei ihren Beratungen fortwährend gegenüber von Kabi— 
nettskrisen. — Und in beredten Worten beschwor der Redner den 
Präsidenten, im Namen der Rechten, den Grundsätzen seines 
ganzen Lebens getreu zu bleiben, an der Spitze der Konservativen 
auszuhalten, die ihm keine Schwierigkeiten machen ...., und 
ihre Zwistigkeiten vergessen werden, kurz, die Rechte in der Natio— 
nalversammlung, die ihm seine Gewalt gegeben, nicht zu verlassen. 
„An dem Tage, au dem Herr Thiers inmitten der konservativen 
Partei seinen Sitz einnehmen wird, werden Sie sehen, ob es im 
Lande und in dieser Versammlung eine wahre Majorität gibt.“ 
Damit schloß diese edle und aufrichtige Beschwörung. 
Aber sie war ein Stoß in die Luft. Der Rat kam für Herrn 
Thiers zu spät, sein Plan stand fest, seine Genossen waren sorg— 
fältig eingeschult. Wenn er nochmals die Rednertribüne bestieg, 
so geschah es nicht, um Herrn Ernoul zu antworten, sondern um 
auf seinen Entschlüssen zu bestehen, wozu er sich sehr wenig wür⸗ 
diger Redeformen bediente. „Machen Sie bei Prüfung der 
konstitutionellen Fragen mit meinen Machtbefugnissen was Sie 
wollen, geben Sie mir solche, die zum Regieren unzureichend sind, 
so werde ich mich zurückziehen! ... Mein Dasein ist unerträglich! 
Die Vertrauensfrage muß entschieden werden!“ Vergeblich ver⸗ 
sicherte Herr Lucien Brun, mit großem Geschick die Beweisgründe 
der Herren Batbie und Ernoul wiederholend, es handle sich weder 
um Republik noch Monarchie noch um persönliche Fragen, es be⸗ 
stehe im Grunde kein Mißtrauen gegen ihn, es handle sich nur da⸗ 
rum, ihn den Konservativen wieder zu gewinnen, alles war ver⸗ 
gebliche Mühe. Man schritt zur Abstimmung: 3835 Stimmen 
waren für den Antrag der Kommission, 872 für den der Regie— 
rung. Thiers hatte gesiegt, und die Organisation der Republik 
fand die Zustimmung der Nationalversammlung. Das war eine
	        
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