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Erster Teil. 1872-1873 Sechstes Kapitel. Ausserordentliche Sendung nach Dresden

Full text: Meine Botschafterzeit am Berliner Hofe 1872-1877 / Gontaut-Biron, Élie de (Public Domain)

Unterhaltung mit dem Kronprinzen. 
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kaum reichlicher geboten als in Berlin, aber aus entgegengesetzten 
Gründen: in Berlin war ich der Feind, und der Gegner aus alter 
Zeit, in Dresden war ich der Freund aus vergangenen Zeiten, den 
die Anhänger Preußens und die offiziellen Persönlichkeiten heute 
mit denselben Augen betrachteten oder zu betrachten sich ver— 
pflichtet hielten, wie dieses, und dem sich diejenigen, die Preußen 
die Abhängigkeit ihres Landes nicht verzeihen konnten, nicht an— 
vertrauen zu dürfen glaubten. Meine Unterhaltungen waren 
daher mehr alltäglicher, als interessanter Art; trotzdem empfing 
ich doch einige Eindrücke, die geeignet waren, mich über die Stim— 
mung der Prinzen und der höheren Kreise aufzuklären. Auf dem 
großen Hofball beehrte mich der Kronprinz mit einer längeren 
Unterhaltung. Er ist von hervorragendem Verstand, und gilt als 
einer der bedeutendsten Militärs unter den deutschen Fürsten. 
Von den Sehenswürdigkeiten Dresdens und den Schätzen der Mu— 
seen lenkte ich das Gespräch auf Deutschland und den letzten Krieg, 
doch weiß ich nicht, ob dies gerade klug war, denn dies Thema 
schien den Kronprinzen nicht angenehm zu berühren, da er, wie ich 
damals noch nicht wußte, leicht geneigt sein soll, für den Vorrang 
Preußens, und die Erfolge, zu denen er so hervorragend beige— 
tragen hatte, Partei zu nehmen. Wäre ich ein erfahrener Diplo— 
mat gewesen, so hätte ich wohl diesen Punkt mit etwas mehr Zu— 
rückhaltung behandelt. Der Prinz bemerkte, daß man die Ver— 
schmelzung von Elsaß und Lothringen von der gegenwärtigen Ge— 
neration noch nicht erwarten dürfe. Und als ich ihm sagte, daß 
Deutschland uns eine sehr drückende Kriegskostenentschädigung 
auferlegt habe, erwiderte er: „Beklagen Sie sich nicht zu sehr, man 
hätte noch mehr fordern können. Sie sind ja so reich!“ 
Eine andere Außerung überraschte mich noch mehr. — Auf 
meine Bemerkung, daß man sich in Frankreich vor dem Krieg 
über die Einheitsbestrebungen in Deutschland getäuscht habe, 
unterbrach er mich, und sagte mit gedämpfter Stimme: „Glauben 
Sie nicht, daß sie im Jahr 1866 schon vorhanden waren. Wenn 
Frankreich gewollt hätte, würden sie sich nicht so entfaltet haben. 
Aber jetzt liegt die Sache anders, die Strömung ist unwiderstehlich.“ 
Nach seinem Eintritt in den Norddeutschen Bund 1866, zögerte 
Sachsen in der Tat im Jahr 1870 keinen Augenblick, seinen Bun—
	        
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