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Erster Teil. 1872-1873 Viertes Kapitel. Die Konvention vom 29. Juni 1872

Full text: Meine Botschafterzeit am Berliner Hofe 1872-1877 / Gontaut-Biron, Élie de (Public Domain)

Die Frage der allgemeinen Wehrpflicht. 
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Pariser Leben, wo ihn die Gesellschaft zu meiden scheint, seine 
Stimmung beeinflussen. Er sieht alles schwarz, und trotz seiner 
wiederholt geäußerten Bereitwilligkeit, in die Verhandlungen mit 
ihren Konsequenzen eintreten zu wollen, macht er nur Schwierig— 
keiten, und kommt zu keinem Entschluß. Ich glaube, daß seine vor— 
gefaßte Meinung stärker ist als seine bestimmten Instruktionen; 
er macht einen entmutigenden und mutlosen Eindruck. Ich hege 
Zweifel über den Erfolg der Verhandlung, obwohl sie ernstlich in 
Angriff genommen worden ist. 
„Nach der Ansicht des Herrn von Arnim ist der König das 
Haupthindernis; nicht, daß er schlimme Absichten hat, aber er zwei— 
felt an der Stabilität in Frankreich, und an der Dauer der gegen— 
wärtigen Regierung. Er glaubt mit Unrecht, daß der Sieg der re— 
volutionären Parteien, die Frankreich nur schwächen und zerrüt— 
ten, es herausfordernd und kriegslustig machen wird. Diese Furcht, 
behauptet man, verfolgt ihn in seinen Gedanken, und es ist schwer, 
ihn zu beruhigen. Das hat auch die Rede des Herzogs d'Audiffret— 
Pasquier nicht bewirkt, die, von dem Standpunkt des Redner— 
talentes aus betrachtet, ihren großen Erfolg wohl verdient hat, 
die aber, fürchte ich, weniger klug, als glänzend war. Er rief einen 
Beifallsturm zugunsten der allgemeinen Wehrpflicht hervor, und 
Sie wissen, mit welchem Mißtrauen man dieses System für uns in 
Deutschland betrachtet, obwohl es uns voraussichtlich eher eine 
anarchistische, als eine kriegstüchtige Armee, schaffen würde. Sie 
können dreist behaupten, daß Herr Thiers sich mit der Kommission 
der Nationalversammlung verständigt hat und glaubt, daß er mit 
Hilfe einer Konzession in der Fassung, und einem Amendement, 
das man ihr zugesteht, den Kernpunkt seiner Wünsche erreicht hat. 
Er ist völlig aufrichtig in dieser Hoffnung, und ich wünsche, daß sie 
sich verwirklicht, aber ganz im Vertrauen will ich Ihnen sagen, daß 
mir diese Frage der Armeereorganisation immer als die schwie— 
rigste von allen erschienen ist, und, wenn es eine Klippe gibt, an 
der wir zerschellen könnten, so fürchte ich, daß es nur diese sein 
wird. 
„Mit anderen Schwierigkeiten werden wir, glaube ich, fertig 
werden. Eine derselben ist die Reihe der unglückseligen Enthül— 
lungen, die man über den letzten Krieg heraufbeschworen hat. Wie
	        
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