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"Die Jungfern vom Bischofsberg" von Gerhart Hauptmann

Full text: Vom Rückgang der deutschen Bühne / Goldmann, Paul (Public Domain)

Die Jungfern vom Bischofsberg. 87 
Gerhart Hauptmann kam in eine Zeit des literarischen 
Umsturzes. Das Theater war zur Schablone erstarrt, und 
gegen diese Erstarrung empörte sich die Jugend. An Stelle 
des Veralteten sollte das Neue, an Stelle des Theaters, 
das dem Leben entfremdet war, sollte ein Theater gesetzt 
werden, das unmittelbar aus dem Leben selbst hervorging. 
Die Dramatiker der jungen Generation machten sich daran, 
das moderne Drama zu schaffen. Durch das Land ging 
die Kunde, daß eine neue literarische Blütezeit begonnen habe. 
Alle die neuen Dramatiker wurden mit Begeisterung begrüßt. 
Keinem aber wurde ein solcher Enthusiasmus entgegengebracht, 
wie Gerhart Hauptmann. Seine Persönlichkeit wurde zum 
Wahrzeichen der jungliterarischen Bewegung; er wurde ge⸗— 
feiert als der lange Gesuchte, als der Heißersehnte, der end— 
lich gekommen war, als der große, moderne, deutsche Dichter. 
Der Enthusiasmus jener Zeit des literarischen Kampfes 
ist längst verraucht, und die Ernüchterung hat sich ziemlich 
rasch eingestellt. Die literarische Blüte hat nur recht spärliche 
Früchte gezeitigt, von den Dramen, mit denen die Bewegung 
begann, haben sich wenige als Werke von bleibendem Wert 
erwiesen, die Autoren, von denen man sich damals soviel 
versprach, haben später alle versagt, und das moderne deutsche 
Drama ist eigentlich immer noch zu schreiben. Auch ob Gerhart 
Hauptmann der moderne deutsche Dichter ist, ist für viele 
im Lande recht fraglich geworden. An seine dichterische Größe 
glaubt unerschütterlich eigentlich nur noch ein einziger, wie 
er stets daran geglaubt hat, und das ist Gerhart Haupt— 
mann selber. 
Gerhart Hauptmann hat niemals die Selbstkritik besessen, 
welche die unerläßliche Vorbedingung für die Entwicklung 
eines Talents, welche ein Hauptfaktor dieser Entwicklung ist. 
Er hat es nie verstanden, die Grenzen seiner Begabung zu
	        
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