AUS DER
BIOGRAPHIE EMIL RATHENAU®
VON FELIX PINNER®
ie Wirtschaftsgeschichte aller Epochen und Länder weist wohl kaum — trotz der japanischen
Emanzipation — einen zweiten Fall auf, in dem sich ein Volk in seinem ganzen
ökonomischen Leben so grundsätzlich und grundlegend wandelte, in der Breite, Tiefe und
Höhe reckte, wie das deutsche Volk nach dem wahrhaft schöpferischen Einigungskriege von 1870/71.
Ich weiß, daß ich eine Binsenwahrheit niederschreibe, die von pathetischen Rednern, denen das unbegreifliche
Wunder dieser Befreiung und Beflügelung elementarer Volkskräfte nie das Hirn erhellt
hat, so oft leer hingesprochen worden ist, daß sie fast zur Phrase versteinte. Wenn man eine Erscheinung,
wie die Emil Rathenaus, wenn man ein Werk, wie das des großen Organisators der
Elektrizität in seinen Wurzeln und Verzweigungen, in seinem Werden und Sein verstehen will, darf
man sich nicht schämen, diese Binsenwahrheit dreimal unterstrichen noch einmal auszusprechen,
nachdem man sie von allem Phrasenwerk gereinigt und mit dem Blut des Gedankens wieder gefüllt hat.
Was der Schöpfer des geeinten Deutschland politisch erreicht hat, war schon nach wenigen
starken Schritten des Volkes auf der neuerschlossenen Bahn klar und im Resultat abzuschätzen.
Nach Bismarcks entscheidender staatsmännischer Tat hat es in Deutschland einen großen politischen
Gedanken nicht mehr gegeben, brauchte es auch auf lange Zeit keinen mehr zu geben. Die erobernde
Arbeit, die jetzt zu leisten war, ist wirtschaftliche Arbeit gewesen, selbst die Ansätze zu
einer deutschen Kolonialpolitik, die nach den nun einmal verpaßten Möglichkeiten einer vollblütigen
deutschen Kolonialwirtschaft mehr einLuxus des mächtig gewordenen und reich werdenden Deutschlands
waren, als eine wirtschaftliche Notwendigkeit, mußten Nebensache bleiben .........
Die politische Sammlung, welche die bis dahin verzettelten, durcheinander. und gegeneinander
streitenden Kräfte des Volkes in Richtung und Zusammenwirkung brachte; vermochte aber allein
für sich und aus sich zunächst das neue wirtschaftliche Deutschland noch nicht zu schaffen, wenn
gleich eine Änderung und ein Aufschwung gegenüber dem bisherigen binnenwirtschaftlich bes
schränkten Zustand des Landes sofort sichtbar wurde, wenngleich aus der Brache fast fabelhaft
schnell frisches Grün emporsproß, vielleicht zu schnell emporwucherte. Aber all das: war nur eine
Verstärkung, eine Beschleunigung einer in ihrer Art und Richtung bisher schon im Flusse befindlichen
Entwicklung, es war nicht die Etablierung des neuen, technisch wie organisatorisch völlig
anders gearteten Systems, das bisher noch nicht dagewesene Betriebsformen, Arbeitsmethoden, Wirtschaftsgebilde
in Deutschland auf die Füße stellte, Kanäle und breite Tore auf den Weltmarkt
öffnete, aus dem nach innen gerichteten, an versteckten Meereswinkeln träumenden Binnenlande den
modernsten und expansionsten Industriestaat, den emsigsten Exporteur der Welt schuf. Dazu be='*)
Veröffentlicht Anfang 1913