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"Mensch und Übermensch" von Bernhard Shaw

Full text: Vom Rückgang der deutschen Bühne / Goldmann, Paul (Public Domain)

346 Mensch und Abermensch. 
er nur irgend vermag. Er stellt den Grundsatz auf: „Es 
ist der Beruf der Frau, sich so schnell als möglich zu ver— 
heiraten, und der des Mannes, solange als möglich ledig 
zu bleiben.“ Und die Liebesszene am Schluß der Komödie 
wird dadurch zu einer der seltsamsten Liebesszenen, die je 
geschrieben worden sind, daß der Held des Stückes der Heldin 
versichert: „Ich will, will, will, will Sie nicht heiraten,“ 
und daß er ihr weiter erklärt: „Mir bedeutet die Ehe Ab— 
trünnigkeit, Entweihung des Heiligtums meiner Seele, Ver— 
gewaltigung meiner Männlichkeit, Verkauf meines Geburts— 
rechtes, beschämende Übergabe, unwürdige Auslieferung, die 
Annahme der Niederlage.“ 
Der Mann soll der Umklammerung entfliehen, nicht allein 
aus dem Don Juan⸗-Motiv, daß es angenehmer ist, die Liebe 
vieler Frauen zu genießen, statt einer einzigen zu gehören. 
Shaw versucht, diesen Drang des Mannes nach Freiheit, sein 
Recht auf Freiheit aus tieferen, philosophischen Gründen her— 
zuleiten. Hier geht seine Philosophie von Gedanken Nietzsches 
aus. Hier erscheint der Übermensch, der neben dem Menschen 
im Titel des Werkes sich findet. 
Shaws Gedankengang ist folgender: Das Leben ist be— 
strebt, sich selbst zu erhalten, doch es strebt nicht danach 
allein. Es gibt eine Lebenskraft, die auf Erhaltung der 
Gattung bedacht ist. Aber es gibt auch eine Lebenskraft, 
die auf die Entwicklung der Menschheit hinarbeitet, auf die 
Hervorbringung immer höherer Organisationen und eines 
immer vollständigeren Selbstbewußtseins, auf das Emporsteigen 
des Menschen zum Übermenschen. Und während in der Frau 
die erhaltende Kraft sich verkörpert, lebt die entwickelnde, die 
vollendete Kraft im Manne. 
Nicht in allen Männern natürlich. Zum größten Teil ver—⸗
	        
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