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Das Moskauer Künstlerische Theater

Full text: Vom Rückgang der deutschen Bühne / Goldmann, Paul (Public Domain)

308 Das Moskauer Künstlerische Theater. 
sich und der geliebten Frau eine bürgerliche Existenz zu gründen. 
Irina erwidert zwar die Liebe des Baron Tusenbach nicht, 
sie schätzt ihn jedoch als einen Mann, der Vertrauen ver— 
dient. Und das Entscheidende ist, daß er sie aus dieser 
unerträglichen Stadt hinausführen wird. Aber das Schichsal 
will es nicht. Unmittelbar vor der Hochzeit wird Tusenbach 
von Soljony, einem anderen Artillerieoffizier, den Irina ab— 
gewiesen und der mit dem glücklichen Nebenbuhler einen 
Streit provoziert hat, im Duell erschossen. 
Das Drama ist reich an Gestalten, von denen jede lebens— 
voll gezeichnet ist und durch die Moskauer Künstler ebenso 
lebensvoll gespielt wird. In schönen Worten gibt ein russi— 
scher Schriftsteller, Leonid Andrejew, den Eindruck der abso— 
luten Wirklichkeit wieder, den das Drama „Drei Schwestern“ 
in der Darstellung durch das Künstlerische Theater macht; 
er schreibt: 
„Die Geschichte von den drei Schwestern, die uns Anton 
Tschechow durch den Mund der Darsteller des Künstlerischen 
Theaters erzählt, ist nichts Erdichtetes, keine Phantasie, son⸗ 
dern ein Faktum, ein Ereignis — etwas ebenso Reales wie 
etwa die Vorstandswahlen im „Kreditverein“. Bis zur Mitte 
des ersten Aktes blieb uns noch eine gewisse unbestimmte 
Vorstellung von Dekorationen und Schauspielern, wir waren 
noch sozusagen Zuschauer — aber noch hatte sich der Vor—⸗ 
hang nicht zum erstenmal gesenkt, als wir uns bereits ganz 
als mithandelnde Personen des Dramas fühlten. Jetzt noch 
hege ich tiefes Mitleid mit den Damen Sawizkaja, Knipper 
und Andrejewa, die die drei Schwestern spielten, und was 
sie auch immer künftig spielen werden: ich werde es ihnen 
nicht glauben, werde stets nur die drei Schwestern in ihnen 
beklagen. — Arme, liebe Schwestern!“ 
Im Hause der Generalstöchter verkehren die Offiziere
	        
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