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"Der Ruf des Lebens" von Arthur Schnitzler

Full text: Vom Rückgang der deutschen Bühne / Goldmann, Paul (Public Domain)

Der Ruf des Lebens. 
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des Todes empfindet, weder in der Art, wie gestorben, noch 
in der Art, wie über das Sterben gesprochen wird. Man 
denke im Gegensatz dazu an das, was Macbeth über Tod 
und Leben sagt, nachdem er das Hinscheiden seiner Frau er⸗ 
fahren hat, und an die mächtige Wirkung dieser Worte, die 
daher rührt, daß man die ganze Gewalt des Todes in dem 
Drama verspürt hat. In dem Schnitzlerschen Drama jedoch 
erscheint der Tod klein — klein, wie das Leben, das einer 
sexuellen Abnormität gleich gesetzt wird. 
Wohlgelungen sind einige Nebenfiguren. Der Arzt zeigt 
einen diskreten Edelmut und äußert als Raisonneur des Stückes 
manchen schönen Gedanken; der Adjunkt ist einfach und wacker; 
und Katharina, die Base, hat einen Zug von Poesie, die 
Marie, der Heldin, gänzlich mangelt, und es umschwebt sie 
etwas von dem Duft Schnitzlerscher Mädchengestalten aus 
früherer Zeit. Nur hat der Dichter den vom Standpunkt 
der dramatischen Technik aus schweren Fehler begangen, daß er 
sie, nachdem er sie im ersten Akt lediglich episodisch, im zweiten 
Akt gar nicht verwendet hat, im dritten Akt plötzlich in den 
Mittelpunkt der Handlung rückt. Der Zuschauer ist auf diese 
Verschiebung des dramatischen Schwerpunktes in keiner Weise 
vorbereitet und hat für die Nebenfigur der Katharina im 
bisherigen Laufe des Dramas nicht Interesse genug gewonnen, 
um Anteil nehmen zu können an der großen Wahnsinnsszene 
nach Art der Ophelia, die sie im dritten Akt spielt, und an 
ihrem Tode, der den Akt und das Stüch beschließt. 
Im übrigen hat Schnitzler ersichtlich sich bemüht, in seinem 
neuen Werke gerade auf dem Gebiete der dramatischen Technik 
etwas zu leisten und sein Stück bühnenwirksam zu gestalten. 
Dieses Bestreben ist sehr löblich, und man kann es nur mit 
Freuden begrüßen, wenn in einer Zeit, wo die Unfähigkeit 
der meisten dramatischen Schriftsteller, auf der Bühne zu wir—
	        
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