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"Frühlings Erwachen" von Frank Wedekind

Full text: Vom Rückgang der deutschen Bühne / Goldmann, Paul (Public Domain)

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Frühlings Erwachen. 
alters. Für Frank Wedekind ist Frühlings Erwachen nichts 
als Buhlschaft, Selbstbefleckung, Knabenliebe, Sadismus, — 
für ihn ist Frühlings Erwachen das Erwachen des Kindes 
zur Perversität. Und das ist nun der Inhalt eines Werkes, 
dessen Poesie bewundert, ja dessen Keuschheit sogar gerühmt 
wird! Durfte das Stück schon seiner dramatischen Unmöglich— 
keit wegen nicht aufgeführt werden, so mußte es tausend⸗ 
mal mehr noch seines Inhaltes wegen von der Bühne aus— 
geschlossen bleiben. Ist das Publikum so eingeschüchtert durch 
den Terrorismus einer dreisten und lärmenden Clique, daß 
es sich widerspruchslos eine solche Aufführung bieten läßt? 
Oder ist wirklich — was man doch kaum glauben kann — 
durch den modernen Theatertrieb der Geschmack so in die 
Irre geleitet, das Gefühl so abgestumpft, daß niemand emp⸗— 
findet, wie abstoßend diese fortwährenden Perversitätsschau— 
spiele sind, — daß niemand empfindet, wie über alle Maßen 
widerwärtig, wie peinlich, wie unerträglich es ist, wenn auf 
der Bühne nun gar perverse Kinder zur Schau gestellt 
werden? 
Frank Wedekinds Darstellung ist nicht nur abstoßend, 
sie ist auch unwahr. Gewiß, die Kinder können nicht ledig— 
lich als die goldigen Englein betrachtet werden, als die sie 
in den Weihnachtsbüchern erscheinen. Gewiß, die Kinder tragen 
als werdende Menschen in sich bereits die Keime von allem, 
was nun einmal in der menschlichen Natur sich findet, auch 
die Keime von Ausschweifung und Perversität. Nur ist die 
Perversität, die doch glücklicherweise bei den Erwachsenen nicht 
die Regel bildet (was man allerdings bezweifeln könnte, wenn 
man seine Menschenkenntnis lediglich aus gewissen modernen 
Stücken bezöge), eine Ausnahme, eine Abhnormität auch bei 
den Kindern. Wenn ferner die Kinder die Keime zu den 
Lastern in sich tragen, so keimen in ihnen auch die Tugenden.
	        
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