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Grabdenkmäler

Full text: Ernst Herter / Malkowsky, Georg (Public Domain)

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Grabdenkmäler. 
des Majors von Reinhard, im Jahre 1870. Hier erscheint der Todesengel in 
sieghafter Form, als eine Art geflügelter Nike, die auf dem Grabe des auf dem 
Schlachtfeld Gefallenen den Ruhmeskranz niederlegt. Die gangbare Idealform 
dieser Schöpfung, der anmutige Gliederfluß der knieenden Gestalt, ihre Allgemein— 
verständlichkeit sicherten ihr eine Popularität, die zu mehrfachen Wiederholungen 
führte, wie sie denn, überlebensgroß in Bronze ausgeführt, die deutschen Soldaten— 
gräber in Spandau und auf dem Zentralfriedhof in Brüssel schmückt. 
Ein memento mori ruft ein Grabmal dem Beschauer zu, das sich Herr 
Kommerzienrat Bartling in Wiesbaden bei Lebzeiten bestellt hat. Das große 
Tonmodell ist vollendet und harrt im Atelier Herters des Gusses. Eine sitzende 
Frauengestalt, deren Unterkörper ein schwer fallendes Gewand umhüllt, das über 
die linke Schulter geschlagen die rechte Seite von der Hüfte aufwärts frei läßt, 
hat mit beiden Händen den Arm eines an sie herantretenden Mannes gefaßt. 
Das schlicht gescheitelte Haupt ist zu ihm emporgerichtet. Ihr Blick sucht mit 
innigem Vertrauen den seinen. Festen Schrittes, ein kurzes Schurzfell um die 
Lenden, den Hammer in der Faust ist er ihr genaht und erwidert kräftig ihren 
Händedruck. Weit ausschreitend, breitbrüstig steht er da, mit aufeinander ge— 
preßten Lippen und zusammengezogenen Brauen in die Ferne schauend, als sehe 
er dem Nahen eines Feindes entgegen, vor dem er sein schwer errungenes Lebens— 
glück zu hüten hat. Von beiden unbemerkt aber hat sich hinter ihnen drohend 
eine gewaltige weibliche Gestalt aufgerichtet. Ein lang herabfließendes Gewand 
umhüllt ihre Glieder, und ein Kopfschleier wirft tiefe Schatten über ihre strengen 
Züge. Die erhobene Hand trägt eine Sanduhr, an das Fliehen der Stunden und 
die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnend. Ergreifender Ernst liegt über der 
Gruppe, die sich in geschlossenen Linien aufbaut. Und doch sind es nicht Schauer 
der Vernichtung, die von ihr ausgehen. Die vertrauende Liebe des Weibes, der 
trotzige Wagemut des Mannes vereinigen sich zu gemeinsamem Kampf um das 
Dasein, und, ob sie ihn weiterringen oder sieghaft geendet haben, ungesehen naht 
ihnen der Genius des Todes und schließt ihre Augen zu ewigem Frieden. 
In den Formen der aufrecht stehenden Grabplatte halten sich die beiden 
Relieftafeln für die Ruhestätte des Fabrikbesitzers Dotti und des Malers 
Robert Warthmüller. Die erstere befindet sich auf dem katholischen Friedhof 
in der Liesenstraße. Eine geflügelte Putte, neben der ein Mohnstrauch als Symbol 
des Todesschlummers aufwächst, eilt von rechts herbei und legt mit emporgereckten 
Händchen einen Lorbeerkranz um das Medaillonbildnis des Verstorbenen. Die 
symmetrisch flatternden Bandschleifen, der stilisierte, über die Schulter des Knäbchens 
geworfene Gewandstreifen erinnern an die anmutige Formensprache des Anfanges 
des vorigen Jahrhunderts und lassen den Gedanken an Tod und Vernichtung
	        
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