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Antike Motive und moderne Skulptur

Full text: Ernst Herter / Malkowsky, Georg (Public Domain)

Antike Motive und moderne Skulptur. 
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Betrachtet man den „Sterbenden Achilleus “Ernst Herters, dessen Ausführung 
im großen Maßstabe ungefähr in dieselbe Zeit fällt, in der die „Amazonenschlacht“ 
entstand, so möchte man auf ihn die Worte Winkelmanns über den Ausdruck des 
Schmerzes in Laokoon anwenden: „So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig 
bleibt, die Oberfläche mag auch noch so wüten, ebenso zeiget der Ausdruck in den 
Figuren der Griechen bey allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele. Diese 
Seele schildert sich in dem Gesichte .... und nicht in dem Gesichte allein, bey 
dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln und Sehnen 
des Körpers entdecket, und den man ganz allein, ohne das Gesicht und andere 
Teile zu betrachten .. .. beynahe selbst zu empfinden glaubt; dieser Schmerz, 
sage ich, äußert sich dennoch mit keiner Wuth in dem Gesichte und der ganzen 
Stellung. Er erhebt kein schreckliches Geschrey ... .; die Offnung des Mundes 
gestattet es nicht; es ist vielmehr ein ängstliches und beklemmtes Seufzen . ... 
Der Schmerz des Körpers und die Größe der Seele sind durch den ganzen Bau 
der Figur mit gleicher Stärke ausgetheilet und gleichsam abgewogen.“ Soeben hat 
der Pfeil des Paris die Ferse, die einzige verwundbare Körperstelle des Helden 
getroffen. Er ist zu Boden gesunken. Die Linke krampft sich eine Stütze suchend 
in den Boden. Die Rechte greift nach dem Schaft des Geschosses, um es aus 
der Wunde zu ziehen. Das linke Bein ist bis in die Zehen hinein vom Schmerz 
zusammengekrümmt, während das rechte sich von demselben Krampfe angespannt 
streckt. Der Unterleib ist eingezogen, der Brustkasten mit schwellenden Muskeln 
herausgedrückt. Die Sehnen und Adern des Halses treten mächtig hervor. Das 
behelmte Haupt erhebt sich zurückgeworfen, die Götter anklagend, gen Himmel. 
Wie sehr bei alledem der rein körperliche Schmerz in dem hellenischen Helden 
seelisch verklärt und veredelt erscheint, zeigt der naheliegende Vergleich mit dem 
„Sterbenden Fechter“ des Kapitolinischen Museums. „Aus einer Wunde in der 
rechten Brustseite blutend, ist er seitwärts vornüber gestürzt; seinen Oberkörper 
hält er durch die aufgestützte rechte Hand nur noch mühsam aufrecht; schon ge— 
senkten Hauptes, in dessen Ausdruck Trotz, Schmerz und Ohnmacht sich spiegeln, 
harrt er des befreienden Todes.“ Hier die dumpfe Ergebenheit des Barbaren, 
dort die Klage des Heros gegen das unerbittliche Schicksal. Hier der rein phy— 
sische, gewaltsam unterdrückte Schmerz, dort das seelische, in einem Seufzer aus— 
klingende Sterbensleid, sklavisches Hinsinken und heroisches Aufbäumen. Wunder-— 
bar im Sinne des klassischen Gliederrhythmus empfunden ist der Gegensatz der 
gestreckten rechten und der zusammengekrümmten linken Körperseite, über der sich 
senkrecht Torso und behelmter Kopf aufbauen. Die in der Spannung wie in der 
Krümmung gleich maßvoll behandelte Mustulatur erhebt gerade diese Statue 
Herters zu einem Kanon der plastischen Anatomie, dessen Studium dem künstle⸗
	        
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