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Zwei Monate aus dem Tagebuch einer Künstlermutter

Full text: Ernst Herter / Malkowsky, Georg (Public Domain)

Zwei Monate aus dem Tagebuche einer Künstlermutter. 19 
blick das Erforderliche zu tun, ohne Murren das interessanteste Buch oder die 
Feder mit dem Robinson oder mit einer anderen, dem kindischen Verstehen ange— 
messenen Lektüre zu vertauschen. Nur so kann man Gerechtigkeit bewahren. 
Freilich ist die Zeit, die ich mein nennen darf, jetzt nach Minuten zu berechnen, 
aber ich fühle mich geistig und körperlich den beständigen Ansprüchen gewachsen. 
Der vergangene Sommer mit seinen ruhigen Stunden und weiten Spaziergängen, 
auf denen ich so ganz mir selbst leben konnte, hat mir reiche Ernte gewährt, aus 
deren Ertrag ich nun glücklich bin, mitzuteilen, oder ihn, statt bei dem doch 
oft mehr Mechanischen den Kindern zu Dienst zu sein, für mich zu verarbeiten. 
Es ist ja doch immer besser, es mangelt an Zeit, als an Stoff.“ 
Ganz allmählich, der Mutter selbst unbewußt, löst sich dann aus dem allge— 
meinen Erziehungseifer das Interesse für die Sonderentwickelung des ältesten, noch 
nicht achtjährigen Sohnes Ernst heraus, der mit atemloser Spannung ihren Er— 
zählungen aus der hellenischen Sagenwelt folgt. „Das ist höchst wichtig, bei der 
Erziehung immer im richtigen Moment für das eintretende Bedürfnis die passendste 
Befriedigung zu gewähren. Nur durch die liebendste Aufmerksamkeit ist eine solche 
glückliche Induktion zu erlangen, die jedesmal mit der reinsten Freude erfüllt und 
uns manchen Schritt dem ersehnten Ziele näher führt. Ein sehr glückliches Mittel, 
zu prüfen, für welche Nahrung der kindliche Geist augenblicklich reif ist, besteht 
in dem wie zufälligen Erwähnen irgend einer Begebenheit, der Erzählung eines 
Bruchstückes. Ist nun Zündstoff hinlänglich vorhanden, so fängt die Phantasie 
des Kindes gleich Feuer, und es ruht und rastet nicht, bis es alles erforscht und 
gehört. Auf diese Weise ist es sein eigener Wunsch, den es befriedigt, indem es 
sich belehren läßt, und es ermüdet dabei nicht so leicht als bei einer Beschäftigung, 
die ihm aufgedrungen wird. So fing ich mit wenigen Zügen aus dem Leben 
des Ulysses an, und die goldenen Körner fielen auf so empfänglichen Boden, daß die 
Nachahmungen schon nicht mehr genügen, und wir uns, ziemlich bekannt mit den 
Tatsachen, nun an die Vossische Uebersetzung selber wagen können. Es muß doch 
ein gar herrlicher, ewig fortwirkender Reiz in diesen antiken Sagen liegen, daß 
sogar die Faulheit und Scheu vor dem Selbstlesen so schnell und gründlich über— 
wunden wurde, da ich oft Arbeit vorschützte, wenn die Begier am lebhaftesten ge— 
spannt war auf den weiteren Verlauf. So dank' ich dir, ewig junger Homer, 
daß mein Knabe zuerst dahin gelangt ist, selbst zu schöpfen aus dem unergründ— 
lichen Quell des Wissens, so daß, wenn es mir nur gelingt, die Flamme zu 
schützen und zu erhalten, auch von ihm für sein ganzes Leben der Fluch der 
Langenweile genommen, und somit der Quell unendlichen Aebels versiegt ist.“ Die 
gemeinsame Lektüre der Homerischen Gedichte und der Schillerschen Balladen gibt 
Gelegenheit zu ein paar Geschichten aus dem Kindermunde. „Ist das Fortschritt,
	        
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