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Zweiter Teil. Die Berliner Bauwerke und Denkmäler Öffentliche Bauwerke neuerer Zeit

Full text: Führer durch Berlin's Kunstschätze, Museen, Denkmäler, Bauwerke / Gaulke, Johannes (Public Domain)

166 Zweiter Teil. Die Berliner Bauwerke und Denkmäler. 
entspricht das Reichsstagsgebäude in seiner architektonischen 
Formensprache nicht einer Geschmacksrichtung, die als deutsch 
gelten könnte. Die architektonische Gliederung des auf 
einem gequaderten Unterbau ruhenden Gebäudes entbehrt 
nicht der Geschlossenheit, diese wird aber durch die vier 
überladenen Ecktürme und die vergoldete Kuppel fast voll⸗ 
kommen illusorisch gemacht. Der figürliche Schmuck soll 
das deutsche Volkstum und den Reichsgedanken verkörpern. 
Neben dem Hauptportal sind die Wappen der deutschen Bun⸗ 
desstaaten vereinigt, darüber St. Georg mit den Zügen 
Bismarcks, den Drachen der Zwietracht fötend; im Giebel— 
feld das Reichswappen, dahinter die Kolossalgruppe der 
Germania. An der hinteren Front sind auf der Attika 
zwei riesige Herolde zur Aufstellung gelangt. Das Gange 
ůͤberragt eine mäßig gewölbte Kuppel, die durch reiche Ver— 
goldung kräftiger hervorgeholt wird; ihre Bekrönung bildet 
eine von Säulen eingefäßte Laterne mit der Kaiserkrone. 
Die Innenausstattung entspricht der reichen Dekoration 
der Fassade. Der Plenarsitzungssgal (21,80 m tief, 29 m 
breit und 18,15 m hoch) ist der Akustik wegen mit Eichen— 
holz getäfelt; die VDekoration ist auf die oberen Galerien 
uͤnd die mächtig ausladende Hohlkehle zusammengedrängt. 
Westlich vom Sitzungssaal liegt die große Wandelhalle, die 
sich mit zwei anschließenden Treppenhäusern durch die ganze 
Breite des Gebäudes erstreckt. Die für Marmorausführung 
gedachte Architektur ist auf Beschluß des Reichstages nur in 
Marmorimitation ausgeführt worden. 
Die Architektur des Reichssstagsgebäudes ist charakteristisch 
für die in den achtziger und neunziger Jahren vorherrschende 
Stilrichtung. Da das 19. Jahrhundert keinen eigenen Stil 
hervorgebracht hatte, so begnügte man sich mit Anlehnungen 
an die Formensprache einer erfindungsreicheren Vergangen— 
heit. Der Baustil der italienischen Hochrengissance wurde 
schließlich für die Staatsgebäude maßgebend. So ist u. a. 
der Neubau des preußischen Abgeordnetenhauses 
in der Prinz Albrechtstraße in den Formen des italienischen 
Renaissancestils gehalten, ebenso das preußische Herren⸗ 
haus in der Leipzigerstraße, mit dem es durch einen Mit⸗ 
ielbau verbunden ist. Der figürliche Schmuck beider Ge— 
bäude bewegt sich in dem üblichen Formen- und Allegorien— 
schema. Auch die Gebäude der neuen Reichsämter, wie das 
Reichspostamt, das kaiserlich statistische 
Amt, das kaiserliche Patentamt, sind in den 
üppigen Formen der Hochrengissance gehalten. Dagegen 
zeigt das von Hitzig 1869251876 erbaute Reichsbank-
	        
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