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III. Die Baukunst von Jerusalem

Full text: Zur Kunstgeschichte / Adler, Friedrich (Public Domain)

Die Baukunst von Jerusalem. 
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Fassaden, ja scheinbare Freibauten aus den senkrechten Felswänden 
herausgeschnitten worden. Die stattlichsten dieser Felsgräber tragen 
willkürliche Namen: Grab des Josaphat, des Absalom, des Zacharias 
und des Jakobus. Das letzte mit hochbelegener Säulenvorhalle atmet, 
wenn auch in später Fassung, die schlichte Strenge dorischer Bauweise; 
das zweite und dritte sind barocke Mischungen von hellenistischen und 
ägyptischen Bauformen. Wie die Details unzweifelhaft lehren, stammt 
keins aus altjüdischer Epoche, sondern frühestens aus dem Zeitalter der 
Hasmonäer, wahrscheinlicher aus dem der Idumäer. 
Dieser letztgenannten Spätzeit verdanken wir noch bedeutende 
Reste der Hochbaukunst, aber in schlichtester Fassung als Teile von 
Befestigungen, Unterbauten und Viadukten. Auf die Wehrhaftigkeit 
des alten Jerusalem haben seit David alle Herrscher und Gewalthaber 
Gewicht gelegt, stets mit Recht, oft zu ihrem guten Glück. Leider be— 
schränkt sich unsere Kenntnis bis jetzt auf die sichtbaren und deshalb 
zweifellosen Reste aus der Zeit Herodes des Großen. Alles Ältere 
liegt verschüttet oder ist noch unzugänglich. 
Sicher war Herodes der baulustigste Herrscher seiner Zeit. Da 
es ihm an Mitteln nicht fehlte, so suchte sein Ruhmestrieb mit den 
Unternehmungen eines Weltherrschers wie Augustus zu wetteifern. Als 
echter Philhellene hat er sich auf Rhodos und Samos, in Sparta, 
Athen, Nikopolis, Antiochia und Pergamon mit Bauten und Weihe— 
geschenken verewigt. Er gründete neue Städte und baute zerstörte 
wieder auf. Im ganzen Lande erhoben sich Paläste, Burgen und Lust— 
schlösser, selbst auf den beinahe unzugänglichen Felsklippen am Toten 
Meere hat er feste Residenzen, wie Masada, gehabt. Jerusalem erhielt 
aus politischen Gründen den Löwenanteil in einer auf den neuesten 
Erfahrungen beruhenden Befestigung, in dem prachtvollen Neubau des 
Tempels, in der Anlage von zwei Palästen, mehreren Märkten und 
stolzen Viadukten. So monumental ist in Jerusalem niemals wieder 
gebaut worden und nichts wäre lohnender, als eine planmäßige Durch— 
forschung aller Baureste aus jener Zeit, um sich die uralte glanzvoll 
erneuerte Gottesstadt zu vergegenwärtigen in dem Augenblicke, da der 
prophetische Weheruf vom Olberge erscholl. Doch ist die seltsame 
Mischung von Gleichgültigkeit und Fanatismus seitens der türkischen 
Herrschaft jeder wissenschaftlichen Untersuchung abhold, und daher sind 
trotz allen Eifers von englischer, amerikanischer, französischer und deutscher 
Seite die Fortschritte bis jetzt gering zu nennen.
	        
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