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XI. Wittenberg und Jerusalem

Full text: Zur Kunstgeschichte / Adler, Friedrich (Public Domain)

Wittenberg und Jerusalem. 
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evangelischen Fürsten Deutschlands war der Schlußstein des Ganzen, 
die Krönung des Werkes. Noch nach Jahrhunderten wird es Zeugnis 
ablegen von der einmütigen Gesinnung, welche alle Stifter beseelte. 
So ist im Sinne und Geiste des Vaters durch die Pietät des 
Sohnes die Schloßkirche zu Wittenberg vollendet worden. Mitten im 
Jubel des Festes daran zu erinnern, war unserem Kaiser tiefinneres 
Bedürfnis. Den Pokal erhebend, den die Stadt Wittenberg 1525 dem 
Dr. Martin Luther zur Hochzeit verehrt hat, sprach er in der seinen 
erlauchten Gästen gewidmeten Tischrede folgende Worte: „Gott hat es 
nicht gewollt, daß mein unvergeßlicher Herr Vater das vollendete Werk 
hat schauen sollen. Nie aber wird die dankbare Nachwelt es vergessen, 
daß Sein Name mit diesem Denkmale der Reformation unzertrennlich 
verbunden ist.“ 
Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt! Von Wittenberg nach 
Jerusalem ist ein weiter Weg — räumlich wie zeitlich — aber leicht 
zu finden, weil beide Städte durch unsichtbare Fäden unlöslich mit—⸗ 
einander verbunden sind. In der Geschichte der alten Religionen er— 
scheint Jerusalem wie ein zum Himmel ragender Berg, den ewiges 
Licht umstrahlt, zu seinen Füßen ein Wolkenmeer und Dunkelheit, über 
den Landen. Weit hinauf — vielleicht bis zur Patriarchenzeit — 
reichen die Anfänge der Erkenntnis des einen Gottes, der Himmel 
und Erde gemacht hat. Das Lob des Höchsten ist nirgends lauter 
und reiner erklungen, als von der Harfe des königlichen Sängers auf 
Zion, nirgends wurden die Strafgerichte Jehovas zürnender verkündet, 
als aus dem Munde begeisterter Seher und Propheten auf Moriah. 
Und weit über die Wirkung aller Psalmen und Weissagungen hinaus 
ist hier die Lehre von der todüberwindenden Macht der Liebe gepredigt 
und mit dem heiligen Versöhnungsopfer besiegelt worden, welches die 
Sühnopfer des alten Bundes für immer abschloß. 
Nachdem endlich die grauenvolle Zerstörung, welche ein ganzes 
Volk für immer heimatlos machte, die Weissagungen des Messias er— 
füllt hatte, sahen gealtert sinkende wie jugendlich aufstrebende Völker, 
Griechen und Römer, Gallier und Germanen in Jerusalem die aus— 
erwählte Stadt der sichtbaren Taten Gottes. Frühzeitig wurde sie und 
ihre Umgebung Asyl und Zufluchtsort für weltflüchtige Naturen und 
war im Begriffe, zum Range des obersten Wallfahrtsortes der Christen⸗ 
heit emporzusteigen, als mit der Hochflut des Islam eine neue 
Religion, die dritte, hier sich festsetzte. Erft friedlich, dann feindlich 
gesinnt. Der arabischen Eroberung folgte nach vierhundert Jahren
	        
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