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X. Die Nordlandfahrt des Kaisers

Full text: Zur Kunstgeschichte / Adler, Friedrich (Public Domain)

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Die Nordlandfahrt des Kaisers. 
Beowulf, die Met- und Biersäle der altnordischen Könige, die Tempel 
von Upsala und Sigtuna denken. 
Und unsere Teilnahme für diese aussterbenden Werke wächst, wenn 
wir uns erinnern, daß viele von ihnen jener Epoche angehören, wo in 
Island der begeisterte Eifer vaterländisch gesinnter Männer die letzten 
Sagen und Lieder des alten heidnischen Götterglaubens niedergeschrieben 
hat. Es war die höchste Zeit und dort der beste, vielleicht der einzige 
Ort. Nur an einem so weltabgeschiedenen Punkte wie Island, wo 
festgefügte Familienkreise den alten Liederhort bewahrt hatten, konnte 
dieses kostbare Stück vom Erbe unserer Väter gerettet werden. 
Wie lückenhaft, wie farb- und klanglos wäre unsere Kenntnis der 
deutschen Mythologie, wenn wir der Ergänzung durch die nordische 
entbehrten. Älter und deshalb echter sind unsere Quellen, — doch in 
Sagen, Sitten und Gebräuchen so tief versteckt, daß erst ein Sonntags— 
kind wie Jakob Grimm kommen mußte, um die tief verschütteten 
Schätze zu heben. 
Vor dem siegreichen Glanze des Christentums in Deutschland sind 
frühzeitig die hohen Gestalten des alten Götterglaubens erblichen, die 
Opfer hörten auf, die Lieder verhallten, jede Fortentwicklung war 
ausgeschlofsen. Anders im Norden. Hier hat der Einfluß einer mächti— 
gen eigenartigen Natur und die fünfhundert Jahre länger dauernde 
Herrschaft des Heidentums nicht nur Wandlungen hervorgerufen, son— 
dern auch neue und bedeutsame Entwicklungen begünstigt. Dennoch 
gehören beide Mythologien zusammen, keine kann der andern entraten, 
wenn es gilt, das ursprüngliche Wesen der einzelnen Gottheiten zu er— 
kennen. Seit Müllenhoffs tiefgehender Forschung steht es fest, daß 
das erhabenste Gedicht des Nordens — die Voluspa — nur der letzte 
reine Abschluß einer Weltansicht ist, deren wesentliche Grundzüge wir 
in dem gemeinsamen germanischen Altertum erkennen. 
Wenn wir dann in der Vilkina-Sage lesen, daß sie auf einer 
doppelten Quelle beruhe, auf alten deutschen Gedichten und auf Er— 
zählungen deutscher Männer aus Soest, Münster, Bremen, so steigt 
im Geiste vor unseren Augen das Hansenhaus zu Bergen auf, wo in 
langen Winterabenden die deutschen Gildenbrüder ihre heimatlichen 
Sagen vom großen Dietrich von Bern, von Wieland dem Schmied, 
vom hürnen Siegfried und den Nibelungen mit geistverwandten 
Seelen des Nordens ausgetauscht haben. Wir Märker sind ganz be— 
sonders dankbar, für jenen Handel mit Geistesprodukten, weil nur auf 
jenem weiten Umwege uns die echt deutsche Sage gerettet worden
	        
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