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VI. Das Reiterbild des Großen Kurfürsten zu Berlin

Full text: Zur Kunstgeschichte / Adler, Friedrich (Public Domain)

Das Reiterbild des Großen Kurfürsten zu Berlin. 139 
Aber die Phantasie des Volkes, welche so geschäftig von diesem 
Bildwerke zu reden weiß, hat volles Recht, von Gold zu sprechen. 
Längst hat das Kunstwerk seine Feuerprobe überstanden und ist als 
echtes Gold erfunden worden. Nur nicht als jenes irdische Metall, 
das die menschlichen Sinne verlockt und zerstört, sondern als jenes 
dauernde geistige Gold aller echten Kunst, die dem Menschen zur Er— 
hebung und Verklärung, zur Auflösung des Zwiespaltes in der eigenen 
Brust gegeben ist. 
Wir urteilen über Schlüter und sein Werk anders als seine Mit— 
welt, wir urteilen durch prüfende Vergleichung gerechter, und weil 
gerechter auch dankbarer. Wir überblicken jetzt, Dank sei es den Fort— 
schritten der zum Range einer Wissenschaft sich erhebenden Kunst— 
geschichte, das ganze Gebiet der Plastik. Unser Blick dringt, die vor— 
handenen Reiterbilder überfliegend, vom Markus Aurelius auf dem 
Kapitole und den Balbis zu Neapel bis zu Otto dem Großen in 
Magdeburg und Albrecht dem Bären in Neuhaldensleben; er durch— 
mustert die zahlreichen irdischen und heiligen Reiter an den Kathedralen 
Frankreichs und Deutschlands, er schweift wieder hinab nach Italien, 
um die Denkmäler aus den goldenen Zeiten der Renaissance sich zu 
vergegenwärtigen, er übersieht nicht die untergegangenen zahlreichen 
Louis XIV. und Louis XV. (die Götzenbilder stlavischer Verehrung), 
er erinnert sich der modernen Reiter zu Stockholm, Kopenhagen, Peters— 
burg, Madrid, Paris, London, München und Wien und kehrt mit 
freudigem Stolze nach Berlin zurück, denn unser Großer Kurfürst ist 
der alleredelsten einer. In Italien machen ihm nur der, den philo— 
sophischen Charakter des antiken Fürsten so wunderbar wiedergebende 
Mark Aurel und der gepanzerte Reitergeneral Bartolomes Colleoni zu 
Venedig (auch ein Mann aus einem Gusse) den Rang streitig. Peter 
der Große verdient trotz der theatralischen Haltung noch neben ihm 
genannt zu werden, und fast ebenbürtig, ja in einigen Punkten ihm 
überlegen, stellt sich das Reiterbild des Großen Friedrich ihm zur Seite. 
Aber größer, als nach seinem absoluten künstlerischen Werte be— 
arteilt, erscheint uns die Bedeutung des Reiterbildes für die kunst— 
geschichtliche Entwicklung Berlins und damit Preußens. Der Entschluß 
zur Aufrichtung der Erzstatue, der Bau der Brücke, die Berufung 
Schlüters und Jakobis, alles dies war eine summarische Tat von der 
folgenreichsten Bedeutung. Damit erhob sich Berlin aus dem Schutte 
des Mittelalters zur modernen Großstadt, damit trat der branden— 
burgisch-preußische Staat in das höhere Gebiet der Volks—
	        
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