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1908

Full text: Chronik der sozialen Frauenschule (Public Domain)

1908 
Im Anschluß an einen Vortrag, den Alice Salomon im Berliner 
Lehrerinnenverein hielt, gab Lili Droescher die Anregung zu 
einem gemeinsamen Vorgehen der Mädchen- und Frauengruppen für 
soziale Hilfsarbeit und des Pestalozzi-Fröbelhauses I, um eine umfas- 
sendere soziale Berufsausbildung in die Wege zu leiten. Lili Droe- 
scher interessierte Clara Richter und Direktor Schrader 
für den Plan. Ein Garantiefond von viertausend Mark wurde von 
Freunden der Sache aufgebracht. Das Pestalozzi-Fröbelhaus I stellte 
drei Räume zur Verfügung, in denen am 15. Oktober 1908 die zwei 
Jahre umfassende Berufsausbildung begann, die nun den Namen 
Soziale Frauenschule erhielt. 
Wer von uns kann sich heute vorstellen, daß die Leitung dieses 
äußerlich so bescheidenen Unternehmens davor bangte, die erhoffte 
Schülerinnenzahl könnte ausbleiben? Statt dessen aber kam ein 
Ansturm junger Mädchen aus dem ganzen Reich, einige aus dem 
Auslande; für die Unterstufe 36, für die Oberstufe 47 und daneben 
viele Hospitantinnen. 
Die soziale Frauenschule gab Jahresberichte heraus, die in 
knapper Art das äußere Wachstum zeigten und die innere Ent- 
wicklung der Schule, die Erwartungen, Freuden und Enttäuschun- 
gen der Leitung widerspiegelten. 
So heißt es im Jahresbericht von 1908/09 über die Schülerinnen: 
„Die äußere und innere Anteilnahme der Schülerinnen war in 
fast allen Unterrichtsfächern überaus rege. Es war ganz erstaun- 
lich zu beobachten, wie auch Schülerinnen, denen der sozialwissen- 
schaftliche und pädagogische Stoff ganz fremd war, und die in den 
ersten Wochen große Schwierigkeiten darin fanden, das Gebotene 
aufzunehmen und zu verarbeiten, schon im zweiten Quartal, ganz 
besonders aber gegen Ende des Schuljahres verständnisvoll die Auf- 
gaben, die ihnen gestellt wurden, lösten. Wie tief sie in den Geist 
der sozialen Probleme eindrangen, das trat vor allem in der Ober- 
stufe hervor, in der sich den Lehrkräften ein vorzügliches, her- 
vorragend intelligentes Schülerinnenmaterial bot. Fast einstimmig 
wurde von den Lehrern anerkannt, daß sie noch kaum jemals an 
anderer Stelle so interessierte und so leistungsfähige Schülerinnen 
gefunden hatten.“ Kurz danach heißt es aber: „In der Unterstufe 
war es schwieriger, das Interesse der Klasse für alle Unter- 
richtsgegenstände gleichmäßig heranzuziehen, da ein Teil der 
jungen Mädchen sich an den praktischen Fächern, Kochen, Haus- 
wirtschaft, Kinderpflege nur beteiligte, weil es in der sozialen
	        
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