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Full text: Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin / Harnack, Adolf von (Public Domain)

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Zur Geschichte der Akademie in den Jahren 1860- 1899. 
und Duldung, aber nur insofern, als wir überzeugt sind, ein gutes 
Recht zu haben da zu sein. 
Der Redner zeigte nun, wie Vieles, was früher akademischer 
Pflege bedurft habe, heute auf eigenen Füßen stehe und wie na— 
mentlich die einzelne Wissenschaft weder den akademischen Schutz 
noch die von der Akademie gewährte Publicität mehr nöthig habe. 
Dann fuhr er fort: 
Die Einseitigkeit der heutigen Forschung birgt in sich wie unend⸗ 
lichen Gewinn, so auch unendliche Gefahr. Eben an Leibniz messen 
wir ab, wie klein und eng die Welt dessen ist, für den es im Reiche 
des Geistes nichts giebt als griechische und lateinische Schriftsteller oder 
Gebirgsgeschiebe oder Zahlenprobleme. Einige Abwehr gegen diese 
Gefahr bietet denn doch das akademische Zusammensein, indem es den 
Einzelnen daran erinnert, daß sein sogenannter Kreis kein Kreis ist, 
sondern nur ein Kreisabschnitt; indem es die Achtung und selbst die 
Theilnahme doch immer noch nicht selten auch da erzwingt, wo von 
vollem wissenschaftlichen Verständniß nicht mehr die Rede sein kann. 
Jeder, der die deutschen Universitäten kennt, wird es bestätigen, daß 
der gemeinsame wissenschaftliche Boden da besser festgehalten wird, 
wo in einer gelehrten Gesellschaft ein Mittelpunkt sür die Vereinigung 
der überhaupt vereinbarlichen Interessen dargeboten ist. .. Aber 
der eigentliche Beruf namentlich unserer Akademie, der Akademie Leib⸗ 
nizens und Friedrich's, der Akademie der ersten deutschen Stadt und 
der Hauptstadt des Deutschen Reiches, ist denn doch noch ein anderer. 
Hr. Mommsen legte nun den Finger auf die Thatsache, daß 
in allen Wissenschaften mit beklagenswerther Kraftvergeudung ge— 
arbeitet werde. „Wenn es wahr ist, daß die Natur verschwendet. 
so hat nichts so naturgemäß sich entwickelt wie das gelehrte Ar— 
beiten.“ An schlagenden Beispielen aus seiner eigenen Wissenschaft 
zeigte er, wie die großen umfassenden Vorarbeiten fehlen und 
darum der Einzelne mit unverhältnißmäßigem Kraftaufwand nur 
halbe Arbeit leisten könne. Abhülfe kann nur in der Association 
gefunden werden; denn sie ist die Organisation der Arbeit und die 
Concentrirung der individuellen Kräfte; Großes und Bedeutendes 
sei auf diesem Wege schon erreicht worden; der Redner erinnerte 
an die verschiedenen Geschichtsvereine, an die Gesellschaft für 
deutsche Geschichte und an das Archäologische Institut. Aber die 
Association reicht für die Bedürfnisse der Wissenschaften nicht aus: 
Die Wissenschaft fordert viel, und sie ist des Volkes; nur das Volk 
hat die Mittel, und nur das Volk auch das Recht, ihr Budget auf sich 
zu nehmen. Auch aus anderen Gründen genügt die Association nicht: 
fie bietet nicht die erforderliche über das Leben der Individuen hinaus— 
reichende Garantie, nicht die Möglichkeit, bei eintretendem Vertkall sich
	        
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